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Fluggebiet Emberger Alm – Greifenburg: Ein umfassendes Handbuch für Piloten
Das Obere Drautal in Kärnten, spezifisch die Region um Greifenburg und die Emberger Alm, genießt in der internationalen Fliegerszene einen Ruf, der an Pilgerstätten grenzt. Es wird regelmäßig als „XC-Mekka“ oder „Eldorado“ für Streckenflieger bezeichnet, eine Reputation, die sich nicht auf Marketing, sondern auf jahrzehntelange meteorologische Konsistenz stützt. Die einzigartige Topografie, die durch den Schutz des Alpenhauptkamms im Norden und die thermisch begünstigte Ausrichtung des Drautals geprägt ist, schafft ein Mikroklima, das Flüge ermöglicht, wenn weite Teile der Nordalpen wetterbedingt gegroundet sind.
Dieser Bericht analysiert die aerologischen, logistischen und flugtaktischen Gegebenheiten der Emberger Alm. Er richtet sich an Piloten, die das Gebiet nicht nur als Urlaubsziel, sondern als taktische Arena für Streckenflüge verstehen wollen – vom ersten 50-Kilometer-Dreieck bis hin zu FAI-Dreiecken jenseits der 200-Kilometer-Marke.
Die geographische Lage auf 46.74° N und 13.19° E positioniert Greifenburg strategisch günstig südlich des Alpenhauptkamms. Diese Positionierung ist der Schlüssel zur sogenannten „Südseiten-Zuverlässigkeit“. Während Nordstaulagen die Fluggebiete nördlich der Tauern oft unfliegbar machen, profitiert das Drautal von einem Lee-Effekt, der die Luftmassen abtrocknet und häufig fliegbare Fenster öffnet, selbst wenn wenige Kilometer nördlich Regen fällt.
Das Verständnis der spezifischen Luftströmungen im Drautal ist die absolute Grundvoraussetzung für sicheres Fliegen in dieser Region. Das Tal verhält sich nicht wie ein Standard-Alpental; es verfügt über komplexe Windsysteme, die den Flugplan diktieren.
Die Topografie der Region schafft ein ausgeprägtes Mikroklima. Nördlich liegt das Mölltal, abgeschirmt durch die massive Barriere des Alpenhauptkamms (Hohe Tauern). Diese Barriere trennt Luftmassen effektiv. Wenn die Nordalpen unter dem Einfluss von Frontensystemen oder Nordstau stehen, genießt das südlich gelegene Drautal oft Schutz, was zu fliegbaren Bedingungen führt, selbst wenn der Norden am Boden bleiben muss.
Dieser Schutz ist jedoch nicht absolut. Starke Nordföhn-Ereignisse können über den Hauptkamm schwappen. Obwohl die Emberger Alm durch ihre Lage etwas geschützt ist, können Höhenwinde aus Norden Turbulenzen oder Scherungsschichten erzeugen. Piloten müssen zwingend die Druckdifferenz (Nord-Süd-Gradient) prüfen, um sicherzustellen, dass der Föhn nicht in die unteren Schichten des Drautals durchgreift.
Ein zentrales Element der lokalen Aerologie ist der sogenannte "Greifenburger Vorwind". Im Gegensatz zu klassischen Berg-Tal-Windsystemen, die oft eine einfache anabatische Strömung aufweisen, zeigt das Drautal eine spezifische Ost-West-Dynamik. Der Talwind weht hier üblicherweise aus Osten.
Die vertikale Struktur dieses Windes ist für Piloten von kritischer Bedeutung. Der Vorwind ist nicht nur eine bodennahe Brise, sondern kann eine beträchtliche vertikale Mächtigkeit entwickeln. Es bildet sich eine ausgeprägte Scherungsschicht zwischen dem laminaren Ostwind im Tal und den darüberliegenden Luftschichten oder dem überregionalen Wind. Sinkt ein Pilot zu tief ab – etwa unterhalb der Gratlinien oder in die Talmitte –, gerät er in diese Scherungsschicht. In diesem Bereich werden thermische Ablösungen oft "zerrissen" oder stark deformiert. Die Thermik verliert ihre Kohärenz, was das Wiederaufsteigen extrem erschwert oder unmöglich macht. Ein Diagramm der Luftschichten würde hier zeigen: Unten der laminare Vorwind (Ost), darüber eine turbulente Mischzone (Scherung), und erst darüber die nutzbaren, organisierten Thermikbärte und der eventuelle Meteowind.
Die Interaktion mit dem überregionalen Wind verstärkt oder mindert dieses Phänomen:
Bei Ostlage (Meteowind): Weht auch der überregionale Wind aus Osten, koppelt er sich mit dem thermischen Talwind. Dies führt zu einer massiven Verstärkung des Systems. Der Vorwind kann dann weit die Hänge hinaufreichen und die Thermikentwicklung durch starke Turbulenzen und "Verblasen" der Bärte stören. An solchen Tagen ist bei großen Streckenflugvorhaben Vorsicht geboten.
Bei Westlage: Ein leichter Westwind in der Höhe kann den Ost-Talwind dämpfen und Konvergenzlinien schaffen. Ist der Westwind jedoch zu stark, kann er bis zum Talboden durchschlagen, was eine Umstellung der Landerichtung (Linksvolte) erzwingt.
Das Drautal ist berühmt für seine "Hammertage", an denen die Wolkenbasis Höhen von über 3.000 Metern erreichen kann, wobei eine Basis von 2.500 Metern bereits als sehr gut für Streckenflüge gilt.
Hausbärte und Triggerpunkte: Der klassische "Hausbart" an der Emberger Alm befindet sich meist an der Waldkante beim Goppnitztal oder direkt über dem Startplatzbereich. Ein weiterer verlässlicher Bart steht oft am "Knoten", einem markanten Gipfel westlich des Startplatzes.
Timing und "Parawaiting": Ein oft unterschätzter Aspekt ist der Startzeitpunkt. Trotz perfekter Vorhersagen setzt die nutzbare, starke Thermik oft erst spät ein. "Parawaiting" – das Warten am Startplatz – ist eine Disziplin, die man in Greifenburg beherrschen muss. Besonders nach Regentagen, wenn die Wälder noch Feuchtigkeit abgeben ("auskochen" müssen), kann sich der Thermikbeginn auf 11:00 oder 12:00 Uhr verschieben.
Magic Air: In den späten Nachmittagsstunden entwickelt sich oft ein Phänomen, das als "Magic Air" bezeichnet wird. Besonders an den Südflanken Richtung Weissensee oder im Bereich der Graslitzen beruhigt sich die Luft, bleibt aber tragend, was lange Endanflüge und sanftes Soaring bis in den Sonnenuntergang ermöglicht.
Die Infrastruktur in Greifenburg ist fast vollständig auf die Bedürfnisse von Flugsportlern ausgerichtet. Dies beginnt bei der Unterbringung und endet beim Transport zum Startplatz.
Das "Fliegercamp Franz Mandl" am Badesee Greifenburg fungiert als operatives Hauptquartier. Es bietet nicht nur Campingstellplätze und feste Unterkünfte, sondern dient auch als Informationsbörse.
Lage: Direkt am Landeplatz (590 m MSL), was "Landebier"-Logistik extrem vereinfacht.
Ausstattung: Badesee zur Entspannung nach dem Flug, W-LAN für Wetterbriefings und Reparaturmöglichkeiten.
Die Auffahrt zur Emberger Alm erfolgt über eine Bergstraße, für die ein gut organisiertes Shuttle-System existiert.
Shuttle-Busse: In der Saison (ca. Mai bis September) verkehren Shuttles vom Landeplatz am Fliegercamp zum Startplatz. Früher waren es viele Kleinbusse, heute werden oft größere Busse eingesetzt, die auch Drachen transportieren können.
Fahrplan: Typische Abfahrtszeiten sind 10:00, 11:00 (Hochsaison), 12:00, 14:00 und 16:00 Uhr. An starken Tagen wird der Takt der Nachfrage angepasst.
Kosten und Maut: Die Nutzung der Straße mit dem privaten PKW ist mautpflichtig. Die Mautgebühr für PKW lag historisch bei ca. €16,00 - €26,00, ist aber für 2024/2025 aktuell zu prüfen. Die Shuttle-Preise liegen meist bei ca. €5,00 - €10,00 pro Fahrt, abhängig vom Einstiegsort.
Startkarte: Um die Infrastruktur zu erhalten, ist der Erwerb einer Startkarte (Tages- oder Wochenkarte) obligatorisch. Diese kann im Fliegercamp oder am Startplatz-Kiosk ("Thermiktreff") erworben werden.
Das Fluggebiet verfügt über differenzierte Startplätze für verschiedene Bedingungen und Könnensstufen.
Der Hauptstartplatz ist eine breite, mäßig steile Wiese, die auch bei hohem Pilotenaufkommen (Gleitschirme und Drachen) genug Raum bietet.
Höhe: 1.740 m MSL.
Ausrichtung: Süd (S) bis Süd-Ost (SE).
Charakteristik: Einfacher Wiesenstart. Für Drachenflieger steht eine dedizierte Rampe zur Verfügung.
Gefahrenhinweis: Bei Westwind liegt der Startplatz im Lee der rechtsseitigen Baumreihe. Piloten müssen hier extrem aufmerksam sein: Ein scheinbarer "Vorwind" am Startplatz kann tatsächlich ein Rotor des über den Grat wehenden Westwindes sein.
Oberhalb des Hauptstartplatzes gelegen.
Zugang: Ca. 15 Minuten Fußmarsch vom Parkplatz/Hauptstart.
Vorteil: Ideal bei reinen Süd-Ost-Lagen oder um an Tagen mit starker Inversion früher über die Sperrschicht zu kommen.
Ein tiefer gelegener Startplatz, der oft für Schulungen oder Hike & Fly genutzt wird.
Höhe: 1.068 m MSL.
Nutzung: Ideal für kurze "Hüpfer" oder wenn die Basis an der Alm aufliegt.
Der Landeplatz am Fliegercamp ist großzügig, birgt jedoch spezifische Gefahren durch Hindernisse und Windsysteme, die diszipliniertes Verhalten erfordern.
Aufgrund des Mischverkehrs (Drachen/Gleitschirme) und der Windwechsel ist die Einhaltung der Voltenrichtung essenziell.
Szenario A: Ostwind (Standard/Vorwind)
Dies ist der Normalfall im Drautal.
Regel: Es wird eine Rechtsvolte geflogen.
Position: Der Abbauraum und die Position befinden sich südöstlich des Landeplatzes (Richtung Weissensee).
Endanflug: Gegen den Ostwind Richtung Westen.
Szenario B: Westwind
Tritt bei Durchbruch überregionaler Westwinde oder vor Fronten auf.
Regel: Es wird eine Linksvolte geflogen.
Position: Südwestlich des Landeplatzes.
Endanflug: Gegen den Westwind Richtung Osten.
Piloten müssen sich vor dem Start mit zwei signifikanten Gefahrenquellen vertraut machen:
Stromleitungen: In unmittelbarer Nähe des Landeplatzes verlaufen zwei Stromleitungen. Eine ist hoch und gut sichtbar, die andere verläuft tiefer und ist vor allem im Endanflug schwerer auszumachen. Eine Bodeninspektion vor dem ersten Flug ist dringend angeraten.
Das "Kärntner Tor": Etwa 20-30 km östlich von Greifenburg (Richtung Spittal/Lienz) verengt sich das Tal. Hier, am "Kärntner Tor", beschleunigt der Talwind oft massiv (Venturi-Effekt). Eine Außenlandung in diesem Bereich kann aufgrund der hohen Windgeschwindigkeiten und Turbulenzen extrem gefährlich sein.
Greifenburg ist der Ausgangspunkt für einige der größten FAI-Dreiecke der Alpen. Die Möglichkeiten reichen von genussvollen 50-km-Runden bis zu hochalpinen 250-km-Flügen.
Diese Route ist ideal für Piloten, die ihre ersten Talsprünge wagen wollen, ohne den sicheren Gleitwinkelbereich zum Talboden zu verlassen.
Route: Start Emberger Alm -> Nach Osten entlang der Ridge bis zum Stagor oder Anna-Schutzhaus -> Querung des Drautals zum Weissensee (Südseite) -> Rückflug entlang der Gailtaler Alpen nach Westen bis Greifenburg.
Bedingungen: Benötigt eine Basis von ca. 2.500 m.
Schlüsselstelle: Die Talquerung. Man sollte nicht zu tief ankommen, um auf der Südseite (Gailtaler Alpen) wieder Anschluss zu finden. Oft hilft hier die "Magic Air" am späten Nachmittag.
Dies ist der Benchmark-Flug für fortgeschrittene Piloten. Die Route nutzt die geometrische Struktur der Täler optimal aus.
Schenkel 1: Der Ritt nach Westen (Pustertal)
Strategie: Vom Startplatz fliegt man entlang der Nordkette (Emberger Alm, Knoten, Scharnik) nach Westen.
Herausforderung: Man fliegt oft gegen den Ost-Talwind. Geduld ist gefragt. Die Rippen müssen sauber ausgeflogen werden.
Wendepunkt 1 (Sillian): Nahe der italienischen Grenze. Hier trifft man oft auf Nordwest-Wind. Statt weiter gegen Westen zu kämpfen, bietet sich hier der Schenkelknick nach Norden an.
Schenkel 2: Die Mölltal-Querung (Die Crux)
Route: Von Sillian/Lienz Richtung Nordosten ins Mölltal queren (z.B. zum Sandkopf).
Gefahr: Das Mölltal besitzt ein eigenes, sehr starkes Talwindsystem. Wer hier tief kommt ("absäuft"), landet in extrem turbulentem Wind, der bis zu den Gipfeln reichen kann. Oberstes Gebot: Hoch bleiben!.
Taktik: Die Querung sollte möglichst an der Basis erfolgen, um die Lee-Fallen der Grate zwischen Drau- und Mölltal zu überfliegen.
Schenkel 3: Gailtal und Rückkehr
Wendepunkt 3: Graslitzen oder ähnliche Gipfel im Gailtal (südlich des Drautals).
Finale: Der Rückflug nach Greifenburg erfolgt oft mit Rückenwindkomponente. Die Thermik auf der Gailtaler Seite ist am Nachmittag oft sanfter und zuverlässiger als auf der Nordseite.
Für die Orientierung und Funkkommunikation (üblicherweise 147.500 MHz, Frequenz vor Ort prüfen) ist die Kenntnis der Bergnamen essenziell :
Knoten: Markanter Gipfel westlich der Alm, oft der erste "Bart" nach dem Start.
Mokarspitz & Scharnik: Weitere wichtige Sprungbretter Richtung Westen.
Goldeck: Östlicher Eckpfeiler. Der Anschluss von hier Richtung Lienz kann aufgrund des Venturi-Effekts schwierig sein.
Trotz der guten Infrastruktur ist Greifenburg ein hochalpines Fluggebiet, das Respekt verlangt.
Lienz / Nikolsdorf (LOXL): Westlich von Greifenburg liegt der Flugplatz Nikolsdorf. Auch wenn hier oft wenig Verkehr herrscht, müssen Piloten die aktuellen ICAO-Karten auf TRA (Temporary Reserved Areas) oder CTR-Zonen prüfen.
Naturschutz: Starts von den Almwiesen oberhalb der markierten Startplätze (Gipfelbereiche) sind aus Naturschutzgründen strikt untersagt.
Gefahrenquelle Beschreibung Gegenmaßnahme Vorwind-Scherung Starker Ostwind im Tal schneidet Thermik ab. Nicht tief in der Talmitte "kratzen". An den Rippen bleiben. Stromleitungen Zwei Leitungen nahe LZ Fliegercamp. LZ vor Erstflug besichtigen. Höhe bis Endanflug bewahren. Gewitter Schnelle Entwicklung über den Hohen Tauern. Sofort landen, wenn sich Türme (Congestus) über dem Hauptkamm bilden. Westwind-Lee Westwind strömt über den Grat der Emberger Alm. Wind am Gipfel prüfen. Wenn stark W, liegt der S-Start im Rotor. Export to Sheets
Ein großer Vorteil von Greifenburg ist die Attraktivität für Nicht-Flieger, was es zu einem idealen Ziel für Familienurlaube macht.
Weissensee: Nur wenige Kilometer entfernt liegt der Weissensee, der höchstgelegene Badesee der Alpen. Er bietet exzellente Möglichkeiten zum Schwimmen und Mountainbiken (inklusive Lifttransport für Bikes).
Wandern & Klettern: Das Almgebiet selbst bietet Wanderwege bis auf 2.200m (z.B. Nassfeld Riegel). Im Tal gibt es einen Klettergarten und Hochseilgarten.
Gastronomie: Auf der Alm bieten Hütten wie die "Dünhofenhütte" oder der "Alpengasthof Fichtenheim" lokale Kärntner Küche und Unterkunft direkt am Berg.
Greifenburg verdient seinen Ruf nicht nur durch zuverlässige Statistiken, sondern durch die nahtlose Integration von Logistik und Geografie. Die Kombination aus Shuttle-System, der schützenden "Südseiten-Meteorologie" und den riesigen Gratsystemen macht es zum perfekten Klassenzimmer für angehende XC-Piloten und zur Spielwiese für Experten. Der Erfolg hängt hier davon ab, das Talwindsystem zu respektieren – den "Vorwind" für die sichere Landung zu nutzen, aber seine Scherungsschicht im Flug zu meiden – und den Startzeitpunkt geduldig an den Sonnenstand der Drautaler Wälder anzupassen.