
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Das Brienzer Rothorn: Eine Monografie für den Alpinpiloten
In der Topografie der Schweizer Alpen nimmt das Brienzer Rothorn eine singuläre Stellung ein. Es ist nicht bloß ein Berg, sondern eine klimatische und kulturelle Wasserscheide, die das sanfte, touristisch geprägte Berner Oberland im Süden von der rauen, urwüchsigen Biosphäre Entlebuch im Norden trennt. Für den Gleitschirmflieger manifestiert sich diese Dualität in einem der spektakulärsten, aber auch anspruchsvollsten Fluggebiete der Zentralschweiz. Mit einer Gipfelhöhe von 2350 m ü. M. bietet es einen Höhenunterschied von bis zu 1700 Metern bis zum Brienzersee – ein vertikaler Spielplatz, der jedoch keine Nachlässigkeit duldet.
Dieser Bericht richtet sich an den erfahrenen Piloten, der über das Stadium des bloßen "Abgleitens" hinausgewachsen ist. Wir analysieren das Brienzer Rothorn nicht als isolierten Startplatz, sondern als komplexes aerologisches System. Wer hier fliegt, muss die Interaktion zwischen den überregionalen Winden und den lokalen Talsystemen verstehen, insbesondere das Phänomen der "Grimselschlange", das in Standard-Wetterberichten oft unerwähnt bleibt. Zudem erfordert die Lage am Rand der Kontrollzone (CTR) des Militärflugplatzes Meiringen und inmitten sensibler Wildschutzzonen eine präzise Flugplanung.
Das Ziel dieses Dossiers ist es, die Lücke zwischen den knappen Datenbankeinträgen der Verbände (DHV, SHV) und der Realität im Gelände zu schließen. Wir werden die taktischen Feinheiten der Streckenflüge (XC) beleuchten, die logistischen Herausforderungen zwischen Sörenberg und Brienz aufschlüsseln und die Sicherheitsrisiken – von unsichtbaren Sprengseilen bis zu Lee-Fallen – detailliert kartieren. Das Brienzer Rothorn belohnt den Piloten, der es mit Respekt behandelt, mit unvergesslichen Flügen vor der Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau. Doch der Weg dorthin führt über Wissen, Vorbereitung und Demut vor der Natur.
Die Wahl des Ausgangspunktes ist am Brienzer Rothorn mehr als eine Frage der Bequemlichkeit; sie definiert den Charakter des Flugtages. Das Massiv ist von zwei Seiten erschlossen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die Nordseite von Sörenberg (Kanton Luzern) und die Südseite von Brienz (Kanton Bern). Diese geografische Konstellation erfordert eine differenzierte logistische Planung, insbesondere für Piloten mit Streckenflugambitionen.
Sörenberg, gelegen auf 1159 m ü. M. im Entlebuch, ist der pragmatische Zugang zum Berg. Die Talstation der Luftseilbahn befindet sich im Ortsteil "Schönenboden" am Talschluss.
Infrastruktur: Die Luftseilbahn ist eine moderne Pendelbahn, die die Höhendifferenz zum Gipfel in knapp 10 Minuten überwindet. Sie verkehrt im Sommer meist halbstündlich, bei hohem Aufkommen viertelstündlich.
Piloteneignung: Für Vielflieger und Tagesgäste aus der Zentralschweiz (Luzern, Zug) ist dies die bevorzugte Option. Die Bahn bietet großzügigen Platz für Gleitschirmrucksäcke, und der Parkplatz an der Talstation ist gebührenpflichtig, aber ausreichend dimensioniert.
Saison: Ein entscheidender Vorteil ist der ganzjährige Betrieb (Revisionszeiten beachten), da Sörenberg auch ein Wintersportgebiet ist. Dies ermöglicht Flüge auch im Spätherbst oder Winter, wenn die Südseite bereits geschlossen hat.
Preise: Die einfache Fahrt kostet für Erwachsene regulär ca. CHF 41.00 (Halbtax ca. CHF 20.50), wobei saisonale Schwankungen und Tarife für Retourtickets zu beachten sind.
Von Brienz (566 m ü. M.) führt die Brienz-Rothorn-Bahn (BRB), die älteste Dampfzahnradbahn der Schweiz, auf den Gipfel.
Charakter: Die Fahrt ist ein Erlebnis für sich, dauert jedoch rund 60 Minuten. Die Bahn windet sich spektakulär durch Tunnels und über Grate die Südwand hinauf.
Nachteile für Piloten: Die antiken Waggons bieten nur begrenzten Stauraum. An schönen Wochenenden ist die Bahn oft restlos ausgebucht; eine Platzreservierung ist quasi Pflicht. Zudem überträgt die Dampflokomotive Vibrationen und Ruß – nicht ideal für empfindliches Flugequipment.
Vorteil: Man startet direkt im thermisch aktiven Süden und spart sich bei einer Landung in Brienz die Rückreise um den Berg.
Kosten: Die Fahrt ist deutlich teurer als die Seilbahn, ein "Wanderbillett" (einfach) kostet ca. CHF 82.00 (Basis 1/1).
Für XC-Piloten stellt sich oft die Frage: Wo parke ich mein Auto?
Szenario 1: Parken in Sörenberg. Man fliegt über den Grat nach Interlaken.
Rückreise: Interlaken Ost -> Zug nach Meiringen -> Zug über den Brünigpass nach Giswil/Sarnen -> Postauto nach Sörenberg. Alternativ: Zug bis Schüpfheim -> Postauto nach Sörenberg.
Zeitaufwand: Enorm (2.5 - 3 Stunden). Die Verbindungen ins Entlebuch sind abends oft spärlich.
Szenario 2: Parken in Brienz. Man nutzt die erste Bahn hoch.
Rückreise: Nach der Landung in Interlaken ist man in 20 Minuten mit dem Zug zurück in Brienz.
Risiko: Wenn es am Startplatz nicht fliegt (z.B. wegen Bise) und man nach Sörenberg abgleiten muss, steht das Auto auf der falschen Seite der Alpenkette. Die Rückreise über den Brünigpass oder Glaubenbielenpass (Achtung: Wintersperre!) ist umständlich.
Parameter Luftseilbahn Sörenberg Dampfzahnradbahn Brienz Talort Höhe 1159 m ü. M. 566 m ü. M. Fahrzeit ~10 Minuten ~60 Minuten Frequenz 30 Min (Sommer/Winter) 60 Min (Nur Sommer) Platzangebot Hoch (Gondel) Gering (Enge Waggons) Kosten (Erw. Einfach) ~CHF 41.- / 20.50 (HT) ~CHF 82.- / 41.00 (HT) Reservierung Nicht nötig Dringend empfohlen Ideal für Sportpiloten, Winterflüge Genussflieger, Süd-Landungen Export to Sheets
Das Brienzer Rothorn ist berüchtigt für seine anspruchsvollen Startbedingungen. Die offiziellen Datenbanken klassifizieren das Gelände zu Recht als "schwer". Die Startplätze sind exponiert, steil und oft von losem Gestein durchsetzt. Hinzu kommt eine komplexe Situation bezüglich des Wildschutzes, die in den letzten Jahren zur Schließung historischer Startplätze (S2, S3) geführt hat.
Dies ist der Hauptstartplatz für Flüge Richtung Süden und Westen.
Lage: Unmittelbar unterhalb der Aussichtsterrasse der Bergstation und des Restaurants, leicht südöstlich versetzt.
Höhe: 2340 m ü. M.
Ausrichtung: Süd (S) bis Süd-Südost (SSO).
Topografie: Der Startplatz ist extrem steil und kurz. Er bricht nach wenigen Metern fast senkrecht in die Felswände ab. Der Untergrund besteht aus Schotter und Grasbüscheln, was die Rutschgefahr erhöht.
Aerologie: Aufgrund der Exposition ist der S1 anfällig für thermische Ablösungen, die bereits am Vormittag sehr stark sein können ("Hebeln"). Bei Seitenwind (West) oder leichter Bise (Nordost) entstehen durch die Gebäude und den Grat turbulente Leewirbel im Startbereich.
Psychologie: Man startet unter den Augen hunderter Touristen ("Publikumseffekt"). Dies verleitet manche Piloten zu überhasteten Startentscheidungen. Ein Startabbruch ist hier aufgrund der Steilheit oft nicht mehr möglich, sobald man Geschwindigkeit aufgenommen hat.
Dieser Startplatz ist taktisch wichtig, unterliegt aber strengsten Auflagen.
Lage: Etwa 200 Meter westlich des Gipfels, unterhalb des Grates Richtung Schongütsch.
Höhe: 2260 m ü. M.
Ausrichtung: Süd-West (SW).
Bedeutung: Er ist die Alternative, wenn der Wind am S1 zu westlich steht.
Die "Steinbock-Regel" (CRITICAL): Um das Steinwild, das in der Südflanke unterhalb des S4 äst und ruht, nicht zu stören, wurde ein striktes Flugregime vereinbart.
Verbot: Es ist strengstens untersagt, nach dem Start in der Mulde (Kessel) direkt unterhalb des Startplatzes zu kurbeln oder am Hang zu "kratzen".
Gebot: Piloten müssen nach dem Abheben zügig geradeaus fliegen, Höhe gewinnen und dann sofort nach links (Osten/Südosten) über den Grat abdrehen, um den sensiblen Bereich zu verlassen.
Konsequenz: Missachtungen gefährden den Fortbestand des gesamten Fluggebiets. Die Wildhut beobachtet diesen Sektor genau.
Lage: Ca. 15-20 Minuten Fußmarsch westlich der Bergstation auf dem gut ausgebauten Wanderweg Richtung Turren/Schongütsch.
Höhe: ca. 2300 m ü. M.
Charakter: Wiesenstartplatz. Er ist deutlich weniger abrupt als S1 und bietet mehr Raum für einen kontrollierten Startlauf.
Logistik: Der Fußmarsch mit 15-20 kg Ausrüstung auf 2300 Metern Höhe ist anstrengend, filtert aber auch das Pilotenaufkommen. Hier ist man meist unter sich.
Lage: Nördlich des Grates, im Bereich der Sesselbahn Eisee.
Nutzung: Dieser Startplatz ist primär im Winter relevant (Skigebiet) oder bei seltenen, stabilen Nordlagen, um Richtung Sörenberg abzugleiten.
Einschränkung: Im Sommer wird dieses Gebiet oft landwirtschaftlich genutzt (Weidevieh), und der Talwind aus dem Norden (Sörenberg) steht hier oft an, was gute Soaringbedingungen bieten kann, aber auch Turbulenzen am Grat bedeutet.
Ein Flug vom Brienzer Rothorn endet entweder im Hochgefühl in Interlaken oder – bei falscher Planung – im Stress im Tal. Die Landeplätze auf beiden Seiten des Berges haben ihre spezifischen Tücken.
Für Piloten, die auf der Nordseite bleiben oder dort "absaufen", ist dies der Hauptlandeplatz.
Lage: Ca. 200 Meter vor (nordwestlich) der Talstation der Gondelbahn, südöstlich des Dorfzentrums.
Höhe: 1159 m ü. M.
Gefahren: ACHTUNG Seilbahnkabel! Die Tragseile der Rothornbahn verlaufen in der Nähe. Es gilt ein striktes Landeverbot direkt unter oder zu nahe an den Seilen. Der Abstand muss großzügig bemessen sein.
Windregime: Sörenberg liegt in einem Nord-Süd-Tal (Waldemme). Der Talwind weht tagsüber meist talauswärts (von Süden nach Norden) oder talaufwärts (von Norden nach Süden), abhängig von der thermischen Aktivität und der überregionalen Strömung. Eine genaue Beobachtung des Windsacks an der Talstation ist essenziell.
Winter: Im Winter ist der Landeplatz oft präparierte Skipiste oder tief verschneit. Landungen auf offenen Pisten sind wegen Kollisionsgefahr mit Skifahrern tunlichst zu vermeiden.
Die Landung in Brienz erfordert die Auseinandersetzung mit dem kräftigen Talwindsystem des Brienzersees.
Landeplatz Louwenen (Lauenen):
Lage: Östlich des Dorfzentrums von Brienz, am Hangfuß.
Charakter: Große, geneigte Wiese. Relativ einfach anzufliegen, aber oft thermisch aktiv, da die Ablösungen direkt am Landeplatz durchziehen können.
Landeplatz Forsthaus (Am See):
Lage: Am südöstlichen Ende des Sees, nahe der Aare-Mündung und des Campingplatzes Aaregg.
Tücke (CRITICAL): Hier trifft der Westwind vom See (normaler Talwind) auf den kühlen Bergwind aus dem Haslital/Grimselgebiet. Dies führt oft zu einer Konvergenzzone direkt über dem Landeplatz.
Gefahr: Starke Turbulenzen und Scherungen sind möglich, besonders wenn der "Grimselwind" (siehe Kapitel Meteorologie) durchdrückt. Zudem gibt es Hindernisse wie Bäume und Gebäude, die bei starkem Wind Rotoren erzeugen.
Regel: Nicht im Lee der Baumreihen anfliegen. Auf Schaumkronen auf dem See achten!
Auf der Südseite (Richtung Brienz) gibt es zwischen Gipfel und Talboden praktisch keine sicheren Landemöglichkeiten. Die Hänge sind extrem steil, bewaldet oder von Felsbändern durchzogen. Merke: Wer südseitig "absäuft" (zu viel Höhe verliert), gerät in Lebensgefahr. Eine ausreichende Abflughöhe (mind. 300m über Grat, siehe Wildschutz) ist nicht nur Gesetz, sondern Lebensversicherung.
Das Brienzer Rothorn ist meteorologisch anspruchsvoll. Es liegt im Einflussbereich mehrerer Windsysteme, deren Interaktion tödliche Fallen stellen kann.
Ein Phänomen, das in keinem Standard-Lehrbuch steht, aber jeden lokalen Piloten das Fürchten lehrt, ist die "Grimselschlange" (auch "Grimseler" genannt).
Mechanismus: Es handelt sich um einen kalten, laminaren Fallwind, der vom Grimselpass (2164 m) durch das Haslital Richtung Brienzersee fließt. Er entsteht oft durch einen Druckausgleich zwischen dem Tessin/Wallis (Süden) und dem Berner Oberland (Norden).
Auftreten: Besonders häufig im Frühling bis Frühsommer, oft am späten Nachmittag oder Abend, wenn die Thermik im Tal nachlässt, aber der Passwind noch drückt.
Die Gefahr: Wenn die Grimselschlange bis nach Brienz durchbricht (als "Hasler" oder "Oberwind"), prallt sie frontal auf den normalen Talwind (Westwind) vom Brienzersee.
Der "Crash": Im Konvergenzbereich (oft genau über Brienz/Meiringen) entstehen massive Scherungen und Turbulenzen. Die Luftmassen schieben sich übereinander oder verwirbeln chaotisch.
Indikatoren:
Visuell: Manchmal sichtbar als walzenförmige Wolke ("Schlange"), die sich über den Grimselpass oder durch das Tal schiebt.
See-Zeichen: Wenn sich auf dem Brienzersee Schaumkronen (Whitecaps) aus Richtung Meiringen (Osten) gegen den normalen Westwind schieben, ist die Schlange da. Sofortiges Landen ist Pflicht! Fliegen wird unkontrollierbar.
Die Bise (Nordostwind) ist am Brienzer Rothorn ein klassisches "No-Go".
Effekt: Da die Hauptstartplätze S1 und S4 nach Süden ausgerichtet sind, bläst die Bise von hinten über den Grat.
Das Lee: Direkt im Startbereich bildet sich ein Rotor. Ein Start mag in einer kurzen Windstille ("Lullphase") möglich erscheinen, aber sobald der Pilot abhebt und den schützenden Bodeneffekt verlässt, fliegt er in die turbulente, abwindige Luftmasse der Nordwand-Umströmung. Klapper in Bodennähe sind die Folge.
Regel: Bei Bisen-Prognose (auch schwacher Bise!) ist das Rothorn für Starts Richtung Süden zu meiden.
Die Südwand des Rothorns wirkt wie ein parabolischer Hohlspiegel für die Sonne.
Trigger: Bereits früh am Vormittag (ab ca. 10:30/11:00 Uhr) lösen sich hier die ersten Bärte.
Stärke: Am Nachmittag wird die Thermik oft sehr stark ("Hammerthermik") und großflächig. Steigwerte von 6-8 m/s sind keine Seltenheit.
Charakter: Durch die schroffen Felsrippen und Rinnen kann die Thermik "zerrissen" und bockig sein. Aktives Fliegen (Pitch-Kontrolle) ist absolute Pflicht.
Das Brienzer Rothorn liegt nicht nur in spektakulärer Natur, sondern auch in einem der komplexesten Lufträume der Schweiz. Ignoranz schützt hier nicht vor Strafe – oder gefährlichen Begegnungen.
Das Fluggebiet liegt am westlichen Rand der Kontrollzone (CTR) des Militärflugplatzes Meiringen-Unterbach, der Heimat der F/A-18 Kampfjets.
Status: Die CTR ist aktiv zu militärischen Flugzeiten (Mo-Fr).
HX-Verfahren: Meiringen nutzt oft den Status "HX" (Hear/Mix). Das bedeutet, die CTR ist nicht permanent aktiv, kann aber jederzeit aktiviert werden (z.B. für Jet-Starts).
Die Abfragepflicht: Vor jedem Flug MUSS der Status abgefragt werden.
Telefon (Bandansage): 0800 496 347 (0800-HX-MEIR).
Update-Zeiten: Täglich um 07:30, 13:15 und 17:05 Uhr.
Regel: Ist die CTR aktiv (ON), gilt für Gleitschirmflieger ohne Flugfunk und Freigabe ein absolutes Flugverbot innerhalb der CTR. Die CTR reicht vom Boden bis 1350m/1500m (je nach Sektor) und deckt den Talboden bis Brienz ab.
Wochenende: An Samstagen und Sonntagen ist die CTR meist inaktiv (DABS prüfen!), was entspannte Flüge ermöglicht.
Südlich des Brienzersees, auf der gegenüberliegenden Talseite, liegt die Axalp.
Gefahr: Hier findet das berühmte Fliegerschießen statt. Jets feuern mit Bordkanonen auf Bodenziele am Hang.
Regel: Wenn das Gebiet aktiv ist (siehe DABS/KOSIF), ist der Einflug lebensgefährlich und streng verboten. Der Bereich reicht bis 3950m Höhe.
Ein oft übersehenes, aber tödliches Detail: Nördlich des Rothorns, im Bereich Eisee, existieren Anlagen zur künstlichen Lawinenauslösung.
Die Falle: Quer durch das steile Couloir (Mulde) oberhalb der schwarzen Skipiste am Eisee ist ein Sprengseil gespannt.
Szenario: Ein Pilot fliegt vom Rothorn Richtung Eisee, hat zu wenig Höhe, versucht durch die Mulde abzukürzen ("Talsprung")... und kollidiert mit dem kaum sichtbaren Seil.
Prävention: Niemals tief in unbekannte Couloirs oder Mulden einfliegen, um Höhe zu sparen. Immer mit ausreichender Sicherheitshöhe über Grate und Hindernisse fliegen.
Das Brienzer Rothorn und der Brienzergrat sind Lebensraum einer bedeutenden Steinbock-Kolonie.
Jagdbanngebiete: Westlich des Rothorns (Augstmatthorn & Tannhorn) liegen eidgenössische Jagdbanngebiete.
Saisonale Sperren: In der Setzzeit (Anfang April bis Ende Juni) sind Flüge über den Banngebieten von Montag bis Freitag oft eingeschränkt oder verboten. Detaillierte Karten hängen an den Talstationen.
Adlerhorst "Suggiturm": Zwischen März und Mai brüten Steinadler am Suggiturm (Felsnadel am Grat). Es gilt ein horizontaler Abstand von 300 Metern und eine Mindesthöhe von 2000 m ü. M..
Vom Rothorn aus liegt dem Piloten die Schweiz zu Füßen. Die strategische Lage erlaubt Flüge in drei Himmelsrichtungen.
Dies ist der Klassiker, von dem jeder Pilot träumt.
Verlauf: Start S1 -> Aufdrehen -> Querung des Brienzergrats Richtung Westen -> Augstmatthorn -> Harder Kulm -> Landung Interlaken (Höhematte).
Schwierigkeit: Hoch. Der Grat ist messerscharf ("Rasierklinge").
Knackpunkt: Die Querung des Tannhorns. Hier gibt es keine Landemöglichkeiten. Man muss genug Höhe haben ("Basis machen"), um nicht in den Lee-Bereich des Grates zu geraten, falls der Wind nicht perfekt ansteht.
Belohnung: Ein Flug wie im IMAX-Kino. Links der türkise Brienzersee, rechts die dunklen Nordtäler.
Ziel: Landung auf der Höhematte in Interlaken – direkt vor dem Grand Hotel Victoria-Jungfrau. Achtung: Landetaxe beim Deltaclub Interlaken entrichten (meist per TWINT QR-Code am Landeplatz).
Verlauf: Start S1/S4 -> Überhöhung -> Querung Richtung Glaubenbielen -> Schrattenfluh -> Pilatus.
Schwierigkeit: Sehr Hoch.
Herausforderung: Man nähert sich den komplexen Lufträumen von Alpnach und Emmen (Militär). Die Navigation muss präzise sein, um Luftraumverletzungen zu vermeiden.
Taktik: Die Schrattenfluh (Karstgebiet) ist eine "Rennstrecke" mit hervorragender Thermik, aber extrem zerklüftetem Untergrund. Eine Außenlandung ist dort unmöglich (Felsspalten).
Verlauf: Rothorn -> Hagleren -> Marbachegg -> Rothorn.
Vorteil: Man bleibt weitgehend im "freien" Luftraum des Entlebuchs und vermeidet die CTR-Problematik im Süden.
Tipp: Die Hagleren ("Haglere") ist ein zuverlässiger Thermiktrigger im Norden, der oft funktioniert, wenn die Südseite schwächelt.
Der "Eisee-Schwumm"
Nach einem Flug auf der Nordseite (Landung in der Nähe der Eisee-Hütte, sofern keine Weidezeit) ist ein Bad im eiskalten Eisee ein Jungbrunnen für müde Pilotenbeine. Das dortige Berghaus bietet rustikale Verpflegung und Übernachtungsmöglichkeiten.
Sonnenuntergangs-Flug (Sunset Flight)
Im Hochsommer bietet die Bahn an bestimmten Tagen (oft Freitags/Samstags, Fahrplan prüfen!) Abendfahrten an.
Magic Moment: Wenn die Thermik sanft ausklingt ("Restitution") und das Alpenglühen an der Eiger-Nordwand beginnt, ist ein Abgleiter nach Sörenberg pure Magie.
Warnung: Eine Landung in Brienz am Abend kann riskant sein, da dann oft die Grimselschlange (siehe Meteorologie) am stärksten ist. Der Flug nach Norden (Sörenberg) ist abends meist die sicherere und ruhigere Wahl.
Das Brienzer Rothorn ist kein Berg für den schnellen Konsum. Es ist eine alpine Arena, die fliegerisches Können, meteorologisches Verständnis und Disziplin einfordert. Wer die Regeln des Wildschutzes missachtet, die CTR Meiringen ignoriert oder die Grimselschlange unterschätzt, riskiert nicht nur seine Lizenz oder Gesundheit, sondern gefährdet die Freiheit aller Piloten an diesem einzigartigen Berg. Doch wer sich vorbereitet, wer demütig startet und klug fliegt, den belohnt das Rothorn mit Erlebnissen, die das Prädikat "Weltklasse" wahrlich verdienen.