
3 Startplatzätze, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Gleitschirm-Guide: Bezau & Niedere – Das aerodynamische Herz des Bregenzerwaldes
In der Welt des Gleitschirmfliegens gibt es Fluggebiete, die man einmal besucht, abfliegt und als "erledigt" markiert. Und dann gibt es Orte wie Bezau im Bregenzerwald. Orte, die eine solche aerodynamische Komplexität und mikroklimatische Raffinesse aufweisen, dass sie Piloten über Jahre hinweg immer wieder neu herausfordern und belohnen. Die Niedere, jener langgezogene Bergrücken, der die Talschaften von Bezau und Andelsbuch trennt, ist kein simpler Startberg. Sie ist eine geographische Barriere, eine Wetterscheide und – für den kundigen Piloten – eine der zuverlässigsten Flugmaschinen der Nordalpen.
Dieser Report ist kein herkömmlicher Geländeführer. Er ignoriert die Oberflächlichkeit standardisierter Datenbankeinträge, die sich oft auf Koordinaten und eine simple "Süd-Start"-Beschreibung beschränken. Stattdessen dringen wir tief in die Materie ein. Wir analysieren das komplexe Zusammenspiel zwischen der thermischen Südseite in Bezau und der dynamischen Nordseite in Andelsbuch. Wir dekonstruieren die meteorologischen Mechanismen, die es ermöglichen, hier im tiefsten Winter Thermik zu finden, während der Rest der Alpen im stabilen Winterschlaf liegt. Und wir beleuchten schonungslos die Gefahren, insbesondere die berüchtigte "Lee-Falle" bei einsetzendem Bayerischen Wind, die schon so manchen unvorsichtigen Gastpiloten in bedrohliche Situationen gebracht hat.
Das Ziel dieses Dokuments ist es, dem Piloten – vom ambitionierten Anfänger bis zum Streckenflug-Veteran – ein umfassendes Werkzeug an die Hand zu geben. Es geht um Logistik, Taktik, Meteorologie und jenes unschätzbare "Local Knowledge", das normalerweise nur am Stammtisch im Gasthaus Engel oder im Landebier-Gespräch am Fliegershop weitergegeben wird. Wir betrachten Bezau nicht isoliert, sondern als integralen Bestandteil des Flugsystems Bregenzerwald, wo Logistiknetze, Talwindsysteme und Lufträume ineinandergreifen.
Um die fliegerischen Möglichkeiten von Bezau wirklich auszuschöpfen, muss man zunächst die physische Beschaffenheit der Arena verstehen. Die Topographie ist der statische Partner des Windes; nur wer ihre Formen lesen kann, wird die unsichtbaren Luftströmungen antizipieren.
Die Niedere ist Teil der Bregenzerwald-Berge und fungiert als erste signifikante Erhebung südlich des Bodensees, die sich den aus dem deutschen Voralpenland einströmenden Luftmassen in den Weg stellt. Der Grat verläuft in einer groben West-Ost-Ausrichtung und erreicht Höhen zwischen 1.500 m und knapp 1.700 m (Hintere Niedere: 1.660 m - 1.695 m, Baumgarten: 1.574 m).
Diese Ost-West-Barriere ist das definierende Merkmal des Fluggebietes. Sie schafft eine strikte Trennung zweier Welten:
Die Nordseite (Andelsbuch): Sanft abfallende Wiesen, weitläufig und offen. Sie fangen den Nordwind ("Bayerischer Wind") perfekt auf und leiten ihn laminar nach oben. Dies ist die Welt des dynamischen Aufwinds, des Soarings und der stundenlangen Abendflüge.
Die Südseite (Bezau): Hier ändert sich der Charakter schlagartig. Die Flanken fallen steil in den Talkessel von Bezau ab. Durchsetzt von Felsbändern (wie der Mittagsfluh) und dunklen Waldflächen, bildet diese Seite einen idealen Kollektor für Sonnenenergie. Schon die tiefstehende Wintersonne trifft hier in einem günstigen Winkel auf, was Bezau zu einem der wenigen echten Winter-Thermik-Fluggebiete der Region macht.
Das Dorf Bezau liegt auf ca. 650 m MSL in einem ausgeprägten Talkessel. Diese Lage hat weitreichende Konsequenzen für die Aerodynamik, insbesondere im Sommer. Der Kessel heizt sich auf, saugt Luft an und kanalisiert den regionalen Talwind. Im Gegensatz zu breiten Tälern wie dem Inntal ist der Raum hier begrenzt. Das bedeutet, dass Talwinde hier beschleunigt werden (Venturi-Effekte an Engstellen) und Turbulenzen, die durch Hindernisse oder Windscherungen entstehen, weniger Platz haben, um sich "auszulaufen". Der Höhenunterschied von über 1.000 Metern zwischen Startplatz und Landeplatz ist ein Luxus, der Piloten viel Zeit gibt, thermischen Anschluss zu suchen oder Manöver zu trainieren. Doch er bedeutet auch, dass man verschiedene Luftschichten durchfliegt. Was oben am Grat (1.600 m) als sanfter Südwind beginnt, kann unten im Tal (650 m) auf einen strammen Nord-Talwind treffen. Diese Scherungsschicht ("Shear Layer") ist oft turbulent und für Piloten, die nicht darauf vorbereitet sind, eine unangenehme Überraschung im Landeanflug.
Für die Navigation in der Luft sind markante Punkte essenziell. In Bezau sind dies:
Die Seilbahn: Die Trasse der Bergbahn führt direkt vom Ort hinauf zum Baumgarten. Die Gondeln und Seile sind wichtige Referenzpunkte für die Höhe und Position, stellen aber auch Gefahrenquellen dar.
Der Tristenkopf: Östlich des Hauptstartplatzes gelegen, ist dieser Gipfel oft der erste Anlaufpunkt für Thermiksucher. Er markiert den Einstieg in die XC-Route Richtung Osten.
Die Kanisfluh: Südlich von Bezau erhebt sich dieser ikonische Felsberg. Er ist zwar nicht direktes Startgelände, dient aber als visueller Anker und thermischer Indikator für die großräumige Wetterlage.
Das Verständnis der lokalen Meteorologie ist in Bezau keine intellektuelle Kür, sondern die Basis für das Überleben. Das Fluggebiet lebt von einer Dualität, die im Alpenraum selten so ausgeprägt zu finden ist: Der Kampf (oder das Zusammenspiel) zwischen der thermischen Südseite und dem überregionalen "Bayerischen Wind".
Eine der wichtigsten meteorologischen Besonderheiten des nördlichen Bregenzerwaldes ist der sogenannte Bayerische Wind. Es handelt sich hierbei nicht um einen klassischen Föhn oder rein thermischen Talwind, sondern um ein Ausgleichsphänomen. Wenn sich über dem bayerischen Alpenvorland (Deutschland) ein Hochdruckkeil aufbaut, drückt kühle, dichtere Luft gegen die Alpen. Sie strömt über den Pfänderrücken und trifft frontal auf die Nordseite der Niedere.
Für Andelsbuch (Nordseite): Hier ist der Bayerische Wind ein Geschenk des Himmels. Er sorgt für jenen legendären, laminaren Hangaufwind, der Andelsbuch zu einem der beliebtesten Soaring-Gebiete Europas gemacht hat. Sobald dieser Wind einsetzt – oft pünktlich zur Mittagszeit im Frühjahr – füllt sich der Himmel über Andelsbuch mit bunten Schirmen. Es ist ein stetiges, ruhiges Steigen, das oft bis zum Sonnenuntergang anhält ("Sunset-Soaring").
Für Bezau (Südseite) – Die Todeszone: Für den Piloten, der in Bezau startet, ist der Bayerische Wind jedoch der Endgegner. Wenn diese Luftmasse über den Grat der Niedere schwappt, fällt sie auf der Bezauer Seite turbulent ab. Es bildet sich ein klassisches Lee. Die Luftströmung reißt an der Kante ab, bildet Rotoren ("Walzen") und massive Abwindzonen, die bis zum Talboden reichen können. Wer bei aktivem Bayerischen Wind auf der Bezauer Seite startet oder versucht, dort zu landen, begibt sich in eine "Waschmaschine".
Der Warn-Mechanismus: Ein Blick auf die Windfahnen am Grat (Hintere Niedere) und die Messwerte der Holfuy-Station ist obligatorisch. Zeigen sie Nordwind an, während man in Bezau steht, ist der Start auf der Südseite tabu. Oft ist es im Tal in Bezau windstill oder es weht ein leichter thermischer Aufwind, der Sicherheit suggeriert, während oben am Grat bereits die nordliche Strömung dominiert. Dies ist die klassische Falle für Gastpiloten.
Das Talwindsystem in Bezau unterliegt einem starken saisonalen Wandel, der die Nutzbarkeit des Fluggebietes diktiert.
Sommer-Modus (Mai – August): Im Hochsommer wird das Talwindsystem zur dominierenden Kraft. Sobald die Sonne den Talboden aufheizt, setzt ein kräftiger Talwind ein, der aus nördlichen Richtungen (vom Talausgang bei Egg/Andelsbuch) in den Kessel von Bezau strömt.
Stärke: 20-30 km/h sind an thermischen Tagen keine Seltenheit.
Gefahr: Dieser Wind verstärkt die Leewirkung des überregionalen Nordwindes zusätzlich. Zudem macht er die Landung in Bezau am Nachmittag anspruchsvoll bis gefährlich. Turbulenzen an Gebäuden, Baumreihen und der Seilbahnstation nehmen massiv zu. Viele erfahrene Piloten meiden Bezau an starken Sommertagen ab 11:00 Uhr vormittags komplett und weichen nach Andelsbuch aus.
Winter-Modus (Oktober – April): Dies ist die "Golden Time" für Bezau. Die schwache Sonneneinstrahlung reicht nicht aus, um ein aggressives Talwindsystem zu generieren. Der Talwind bleibt schwach oder schläft ganz ein.
Konsequenz: Man kann oft den ganzen Tag über sicher in Bezau starten und landen. Die thermische Aktivität auf der Südseite ist vorhanden, aber "weichgespült" – ideal für Genussflüge und erste Streckenversuche. Die Inversionslagen im Winter führen oft dazu, dass man über dem Nebelmeer im strahlenden Sonnenschein soaren kann.
Bezau ist ein thermisches Kraftwerk. Die Ausrichtung nach Süden und Südwesten sorgt dafür, dass die Sonne ab dem späten Vormittag (im Sommer früher, im Winter später) zuverlässig Aufwinde produziert.
Der Tristenkopf: Dies ist der "Service-Bart" von Bezau. Nach dem Start an der Hinteren Niedere queren Piloten oft nach Osten. Über der Hütte am Tristenkopf löst sich thermisch aufgeheizte Luft ab. Der Trick ist, hoch genug über der Hütte anzukommen, um in den Bart einzusteigen. Wer zu tief kommt, muss kämpfen.
Die "Rolltreppe": Entlang des Grats der Niedere kann sich bei leichter Ostkomponente und Sonneneinstrahlung eine Konvergenz bilden. Der Talwind drückt von unten, die Thermik von der Seite – das Ergebnis ist ein fast durchgehendes Steigenband entlang der Kante, das Piloten wie eine Rolltreppe nach oben befördert.
Seefluh & Mittagsfluh: Weiter östlich gelegene Felsbänder, die als Triggerpunkte fungieren. Sie speichern die Wärme effizienter als der Wald und geben sie in pulsierenden Blasen ab. Sie sind oft der Schlüssel, um die Basis zu erreichen und den Sprung über das Tal zu wagen.
Ein Flugtag im Bregenzerwald steht und fällt mit der Logistik. Die Besonderheit hier ist die Trennung der Systeme: Der Startplatz in Bezau ist südseitig, der Hauptlandeplatz und Treffpunkt der Szene ist jedoch oft nördlich in Andelsbuch. Wer dies nicht einplant, verbringt den Nachmittag im Bus statt in der Luft.
Der Dreh- und Angelpunkt ist die Seilbahn Bezau (oft noch als "Bergbahnen Bezau" referenziert). Sie erschließt das Fluggebiet ganzjährig.
Technik: Es handelt sich um eine Pendelbahn mit zwei Sektionen. An der Mittelstation "Sonderdach" muss man die Kabine wechseln. Die Gondeln sind klein und werden von Locals liebevoll als "Konservendosen" bezeichnet – bei gutem Wetter und vielen Piloten kann es hier kuschelig und stickig werden.
Taktung: Die Bahn fährt standardmäßig im Halbstundentakt (z.B. 09:00, 09:20, 09:50). An Tagen mit hohem Besucheraufkommen (Wochenende, gutes Flugwetter) schaltet das Personal flexibel auf Durchlaufbetrieb um. Die letzte Talfahrt ist meist um 16:30 Uhr, was für Piloten relevant ist, die oben "abgesoffen" sind oder topgelandet sind.
Gäste-Card-Ökonomie: Ein massiver finanzieller Vorteil für Urlauber im Bregenzerwald ist die Gäste-Card Bregenzerwald & Großes Walsertal. Sie ist ab drei Übernachtungen in teilnehmenden Betrieben oft im Preis inkludiert. Für Gleitschirmflieger bedeutet das: Eine Bergfahrt pro Tag ist kostenlos! Dies gilt entweder für Bezau oder für den Diedamskopf. Angesichts der regulären Ticketpreise ist dies eine erhebliche Ersparnis über eine Flugwoche hinweg und macht die Region zu einer der preiswertesten Flugdestinationen der Alpen.
Hier scheidet sich der Profi vom Amateur. Da man oft in Bezau startet, aber aufgrund des Bayerischen Windes oder der besseren Infrastruktur in Andelsbuch landet, ist die "Auto-am-Start"-Strategie suboptimal.
Die Profi-Strategie (Parken in Andelsbuch):
Parken: Man stellt das Auto morgens direkt am großen Landeplatz in Andelsbuch ab. Hier gibt es ausreichend Stellflächen (Parkplatz der ehemaligen Sesselbahn).
Transfer: Von hier aus nutzt man den Transfer nach Bezau.
Option A (Flugschul-Shuttle): Die Flugschule Bregenzerwald betreibt oft einen Shuttle-Bus, der Piloten vom Landeplatz Andelsbuch zur Seilbahn Bezau bringt. Dies ist der bequemste Weg, oft koordiniert mit den Kurszeiten.
Option B (Öffis): Der "Landbus Bregenzerwald" ist extrem effizient. Man läuft vom Landeplatz zur Haltestelle "Gemeindeamt" (ca. 10-15 Min Fußweg) und nimmt die Linie 850 bis "Bezau Busbahnhof". Dort steigt man in die Linie 832 um, die direkt vor die Talstation der Seilbahn fährt. Die Taktung ist meist stündlich.
Der Flug: Auffahrt in Bezau -> Start Hintere Niedere -> Thermikflug -> Querung über den Grat -> Landung am Auto in Andelsbuch.
Der Vorteil: Nach der Landung steht das Auto bereit. Man kann im Shop ein Landebier trinken, den Schirm packen und ist sofort mobil. Wer sein Auto in Bezau stehen hat, muss nach der Landung in Andelsbuch erst wieder (müde und mit schwerem Sack) den Weg zurück organisieren – und verpasst vielleicht den letzten Bus.
Parken in Bezau: Natürlich gibt es auch direkt an der Talstation Bezau Parkplätze. Diese sind jedoch oft kostenpflichtig. Diese Option empfiehlt sich nur im Winter oder an Tagen, an denen man sicher plant, auch wieder in Bezau zu landen (was im Sommer risikoreich ist).
Die Infrastruktur vor Ort wird maßgeblich von der Flugschule Bregenzerwald geprägt. Sie ist nicht nur Ausbildungsstätte, sondern auch Servicedienstleister für Gastpiloten.
Shops: Die Schule betreibt Shops sowohl in Bezau (Wilbinger 483) als auch direkt am Landeplatz Andelsbuch (im Sommer). Hier bekommt man Ersatzteile, Kleidung und professionelle Beratung zum Wetter.
Wetter-Info: Ein Anruf bei der Flugschule (+43 (0)5514 3177) ist oft verlässlicher als jede App, da die Fluglehrer die Bedingungen vor Ort sehen.
Ausbildung & Tandem: Wer noch nicht fliegt oder Freunde mitbringen will: Die Schule bietet Tandemflüge und Schnupperkurse an. Das Gelände ist aufgrund seiner Topographie eines der besten Schulungsgelände Österreichs.
Bezau verfügt nicht über einen Startplatz, sondern über ein ganzes Areal an Möglichkeiten entlang des Grates. Die Wahl des richtigen Spots entscheidet über Stressfreiheit und Startüberhöhung.
Dies ist der "Main Hub" für Gleitschirmflieger in Bezau.
Lage & Zugang: Von der Bergstation Baumgarten folgt man dem Gratweg in östlicher Richtung. Der Fußmarsch dauert ca. 15-20 Minuten. Man passiert dabei das Panoramarestaurant und läuft auf den markanten Windsack an der Stütze des Schlepplifts zu.
Höhe: 1.660 m – 1.695 m MSL.
Ausrichtung: Süd (S), Südwest (SW), Südost (SO).
Charakteristik: Eine breite, mäßig geneigte Wiese. Sie bietet Platz für mehrere Schirme gleichzeitig. Das Gelände ist fehlerverzeihend und erlaubt auch Startabbrüche.
Winter-Spezial: Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal ist die Präparierung im Winter. Die Flugschule oder die Bergbahnen walzen den Startplatz oft mit einer Pistenraupe! Dies schafft eine feste, glatte Schneedecke, auf der man auch ohne Skier sicher starten kann, ohne im Tiefschnee zu versinken. Ein Luxus, den man in den Alpen selten findet.
Wetterstation: Direkt hier befindet sich die Holfuy-Station "Hintere Niedere". Sie liefert Live-Winddaten ins Internet. Ein Check dieser Werte vor dem Abmarsch von der Bergstation ist Pflicht. Wenn die Station 20 km/h aus Nord anzeigt, kann man sich den Weg sparen.
Historisch gab es Startplätze direkt neben der Bergstation ("Bezau 1" und "Bezau 3").
Status: In den letzten Jahren war dieser Bereich oft durch Bauarbeiten (Neubau Speicherteich, Restaurant, Seilbahninfrastruktur) beeinträchtigt oder gesperrt.
Drachenrampe: Es existiert eine Rampe für Hängegleiter ("Bezau 3"), die nach Nord-Nordost ausgerichtet ist. Für Gleitschirme ist diese jedoch meist tabu oder aufgrund der Lee-Situation bei Südwind ungeeignet.
Aktuelle Info: Piloten sollten sich an der Kasse der Talstation nach dem aktuellen Status des "Baumgarten"-Starts erkundigen. Im Zweifel ist der Marsch zur Hinteren Niederen immer die sicherere und aerodynamisch sauberere Option.
Dies ist weniger ein Startplatz von Bezau, als vielmehr eine strategische Option. Sollte man an der Bergstation ankommen und feststellen, dass der Nordwind ("Bayerischer") doch stärker ist als prognostiziert und ein Start auf der Südseite (Niedere) gefährlich wäre, gibt es einen Ausweg.
Der Wechsel: Man kann von der Bergstation Baumgarten über den Grat auf die Nordseite (Andelsbuch) wechseln. Dies erfordert einen kurzen Fußmarsch.
Die Belohnung: Dort findet man riesige, sanfte Wiesen, die perfekt vom Nordwind angeströmt werden. Statt im Lee zu kämpfen, startet man sicher im Luv und genießt einen Soaring-Flug. Diese Flexibilität macht das Gebiet so sicher: Man sitzt selten "fest".
Bezau bietet eine Klaviatur an Möglichkeiten, die vom winterlichen Abgleiter bis zum hochalpinen Streckenflug reicht. Hier sind die bewährten Strategien.
Dies ist die Paradedisziplin von Bezau. Wenn im Dezember oder Januar Inversionswetterlagen das Tal in grauen Nebel hüllen, steht man am Startplatz Hintere Niedere oft in strahlender Sonne über dem Wolkenmeer.
Taktik: Nach dem Start hält man sich an die sonnenbeschienenen Flanken. Die schwache Winterthermik reicht oft aus, um die Höhe zu halten ("Nullschieber") oder sogar leicht zu überhöhen.
Route: Ein entspanntes Abgleiten entlang des Grates Richtung Westen (zur Seilbahn) oder Osten (Tristenkopf) bietet spektakuläre Ausblicke auf den verschneiten Bregenzerwald und den Bodensee.
Ausrüstung: Da man im Winter oft lange in der Luft bleiben kann und die Startplätze auf fast 1.700 m liegen, ist Kälteschutz essenziell. Heizhandschuhe und Neoprenhüllen für Instrumente (Akkuschonung!) sind Standard.
Für ambitionierte Piloten ist Bezau ein hervorragendes Sprungbrett für Streckenflüge (XC - Cross Country). Die Saison beginnt hier früh, oft schon im Februar/März, wenn die schneefreien Südflanken thermisch aktiv werden, während die Nordseiten noch tiefgefroren sind.
Das "Kleine Dreieck" (ca. 20-30 km): Eine ideale Einsteigertour, um das Potenzial des Gebiets kennenzulernen.
Start & Aufbau: Start Hintere Niedere. Erstes Ziel ist der Tristenkopf. Hier gilt es, Geduld zu haben und den Bart zentrieren, bis man die "Basis" oder zumindest eine komfortable Arbeitshöhe (ca. 2.000 m) erreicht hat.
Schenkel 1 (Ost): Man fliegt weiter Richtung Osten zur Winterstaude. Achtung: Hier kämpft man oft gegen den (westlichen) Talwind oder überregionalen Wind. Geduld ist gefragt.
Wende 1: An der Winterstaude wendet man.
Schenkel 2 (West/Nord): Mit dem Wind im Rücken geht es zurück Richtung Westen. Ziel ist oft der Bereich Rossbad oder der Grat Richtung Andelsbuch.
Das Finale: Man schließt das Dreieck, indem man über den Grat wechselt und in Andelsbuch landet.
Die "Große Tour" (Richtung Arlberg): Diese Route führt tief in die Alpen und ist nur für erfahrene Piloten an guten Tagen geeignet.
Der Sprung: Vom Tristenkopf/Mittagsfluh quert man das Tal nach Süden zum Zitterklapfen oder Diedamskopf. Dies ist die Schlüsselstelle: Man verlässt den sicheren Grat der Niedere und fliegt über tiefes Talgelände.
Großes Walsertal: Weiter geht es über das Zafernhorn und Sonntag Stein. Hier wird das Gelände hochalpin und schroffer.
Montafon & Silvretta: Über die Hochkünzelspitze gelangt man ins Klostertal und weiter ins Montafon. Wendepunkt kann der Piz Buin an der Grenze zur Schweiz sein.
Herausforderung: Der Rückweg ist oft mühsam, da man gegen den meist vorherrschenden Westwind ankämpfen muss. Viele Piloten "stranden" im Rheintal oder müssen in Seitentälern außenlanden (z.B. Schiers/Schweiz), wenn die Höhe für den Rücksprung nicht reicht.
Taktischer Hinweis (Die "Rolltreppe"): Ein Phänomen, das Locals gerne nutzen, ist die Konvergenzlinie entlang der Niedere. Wenn der Talwind aus Nord gegen die Südthermik drückt, entsteht genau über dem Grat eine Linie steigender Luft. Man kann hier oft wie auf einer Rolltreppe im Geradeausflug Höhe machen, ohne kreisen zu müssen. Dies ist der "Highway" zwischen Bezau und Andelsbuch.
Die Landung in Bezau erfordert volle Konzentration. Anders als in Andelsbuch, wo man Platz ohne Ende hat, sind die Toleranzen in Bezau eng.
Koordinaten: 47° 23' 03" N, 09° 54' 53" E.
Lage: Rechts der Straße, die von der Ortsmitte zur Seilbahn führt, ca. 250 m vor der Talstation. Ein Windsack markiert das obere Ende.
Topographie: Es ist eine schmale Wiese, oft als "Handtuch" bezeichnet. Sie ist leicht geneigt.
Hindernisse:
Seilbahn: Die Kabel der Bahn verlaufen in der Nähe. Abstand halten!
Straße: Begrenzt den Landeplatz seitlich. Autos und Zuschauer sind Ablenkungen.
Zäune: Weidezäune unterteilen die Wiesen oft und sind aus der Luft schwer zu sehen.
Aerodynamik:
Thermisches Ablösen: Da der Landeplatz im Talboden liegt, heizt er sich auf. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich genau im Endanflug eine thermische Blase löst und den Schirm nochmal 5-10 Meter hebt. Aktiv fliegen!
Turbulenz: Bei Nordwindlagen (siehe "Bayerischer Wind") liegt dieser Platz voll im Lee. Die Rotoren können hier unberechenbar zuschlagen.
Regeln: Abbauplatz ist entlang der Straße. Die Landewiese muss sofort geräumt werden (Schirm zusammenraffen und rausgehen), um nachfolgende Piloten nicht zu gefährden.
Lage: Hinter dem Parkplatz der ehemaligen Sesselbahn.
Charakter: Riesig, flach, hindernisfrei (bis auf den Parkplatz selbst).
Landevelote: Hier wird strikt abgeachtert. Vollkreise ("360er") sind im Landeanflug verboten, um Kollisionen zu vermeiden. Überflüge über den Parkplatz im Anflug sind zu vermeiden.
Infrastruktur: Direkt am Landeplatz ist der Fliegershop. Hier trifft sich die Szene. Es gibt Getränke, Snacks und Sitzgelegenheiten. Der soziale Hub des Bregenzerwaldes.
Die größte Gefahr in Bezau ist unsichtbar. Es ist die Leewirkung bei Nordwind.
Das Szenario: Es ist ein schöner Frühlingstag. Im Tal in Bezau ist es windstill, die Sonne scheint. Man fährt mit der Bahn hoch. Oben am Startplatz weht ein leichter Wind von hinten (Nord), oder es ist schwach umlaufend. Der Fehler: Viele Piloten denken: "Ach, das bisschen Rückenwind beim Start kriege ich hin" oder "Ich starte einfach in einer thermischen Ablösung, die kurz von vorne kommt". Die Realität: Dieser Nordwind ist oft der Vorbote oder Ausläufer des Bayerischen Windes. Sobald man in der Luft ist und die schützende Geländekante verlässt, gerät man in die Leewirbel, die über den Grat schwappen. Der Flug wird extrem turbulent, Klapper sind vorprogrammiert. Der Landeanflug in Bezau wird zum Russischen Roulette, da die Rotoren bis zum Boden durchschlagen.
Die Goldene Regel: Wenn an der Holfuy-Station Hintere Niedere oder am Windsack eine Nordkomponente erkennbar ist (auch nur 10-15 km/h), wird NICHT in Bezau gestartet. Man läuft rüber nach Andelsbuch und startet dort sicher im Luv.
Weitere Gefahren:
Materialseilbahnen: Im Bregenzerwald gibt es viele kleine Seilbahnen für die Almwirtschaft. Diese sind oft nur als dünne Drähte sichtbar. Besonders bei Talquerungen oder Außenlandungen ist Vorsicht geboten. Kartenstudium (z.B. OpenFlightMaps) hilft.
Kollisionsgefahr: An guten Tagen (Wochenende + Sonne) ist der Luftraum voll. Besonders an den Hausbärten (Tristenkopf) und am Grat ("Rolltreppe") herrscht reger Verkehr. Defensive Flugweise und konsequenter Blickkontakt sind lebenswichtig.
Der Bregenzerwald ist ein sensibler Naturraum. Um Konflikte mit Jägern und Grundbesitzern zu vermeiden und den Fortbestand des Fluggebiets zu sichern, müssen Regeln eingehalten werden.
Wildruhezonen: Es gibt ausgewiesene Bereiche, in denen das Wild (Gämsen, Rotwild) Rückzugsräume hat. Diese sind oft in den Flight-Apps (Burnair, Flyskyhy) rot markiert.
Regel: Diese Zonen dürfen nicht tief überflogen werden. Ein Überflug mit ausreichend Höhe (> 300m über Grund) ist meist toleriert, aber das "Hangkratzen" oder Thermiksuchen in Baumwipfelhöhe ist hier streng verboten.
Dämmerung: Start- und Landeverbot herrscht oft ab einer gewissen Uhrzeit (z.B. Sunset + 30 min) oder saisonal bedingt, um das Wild in der Dämmerung nicht zu stören.
Ein guter Flugtag endet nicht mit der Landung. Hier sind die Tipps, die den Aufenthalt abrunden.
Der "Magic Move" (Saisonale Taktik): Im Frühjahr (März/April) bietet sich eine besondere Taktik an: Starte vormittags (ca. 10:30 Uhr) in Bezau auf der Südseite. Nutze die frühe Thermik, überhöhe den Grat. Wenn dann gegen Mittag der Bayerische Wind einsetzt und die Südthermik zerreißt, fliege mit deiner Höhe rüber auf die Nordseite (Andelsbuch). Dort kannst du dann nahtlos in den laminaren Hangwind einsteigen und bis zum Abend soaren. So hast du Thermik und Soaring in einem Flug kombiniert.
Gastronomie mit Aussicht: Das Panoramarestaurant Baumgarten direkt an der Bergstation ist ein architektonisches Highlight (moderner Holzbau). Die Terrasse schwebt förmlich über dem Abgrund. Es ist der perfekte Ort für den "Deco-Bier" (Startbier – alkoholfrei!) oder um auf bessere Bedingungen zu warten. Die Küche ist gehoben regional.
Unterkunft:
Gästehaus Isabella (Bezau): Sehr beliebt bei Fliegern, bietet Ferienwohnungen und ist auf die Bedürfnisse von Outdoor-Sportlern eingestellt.
Camping Fischteich (Andelsbuch): Die pragmatische Lösung für Camper. Liegt strategisch günstig zwischen den Fluggebieten. Einfach, aber funktional mit Duschen. Ein Treffpunkt der Szene.
Alternativprogramm: Sollte es "unfliegbar" sein (z.B. Föhn oder Regen), bietet der Bregenzerwald Alternativen:
Architektur: Die Region ist weltberühmt für ihre moderne Holzarchitektur ("Werkraum Bregenzerwald").
KäseStraße: Eine kulinarische Entdeckungsreise durch die Sennereien der Region.
Bezau ist kein Anfängerhügel, auf dem man das Hirn ausschalten kann. Es ist ein Fluggebiet, das Respekt und Mitdenken einfordert. Die Belohnung dafür ist jedoch immens: Winterflüge in der Thermik, wenn andere am Boden frieren. Gewaltige Streckenflüge über die verschneiten Alpen. Und die einzigartige Möglichkeit, zwischen zwei Windsystemen zu "surfen".
Wer die Regeln der "Lee-Falle" beachtet, die Logistik mit dem Shuttle meistert und die Zeichen der Natur zu deuten weiß, findet in Bezau und der Niederen eines der komplettesten und faszinierendsten Flugreviere der gesamten Alpen. Pack den Schirm, check die Holfuy-Station und genieß den Flug – aber immer mit einem Auge auf den Windfahnen am Grat.
Citations: