
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Das Stachelhardt-Dossier: Eine erschöpfende operative Analyse und Experten-Leitfaden für den Gleitschirmflug im Siegtal
Der Startplatz Stachelhardt, geographisch verortet in der Gemarkung Hennef-Bülgenauel über den Mäandern der Sieg, repräsentiert weit mehr als nur einen simplen Abflugpunkt für Luftsportgeräte. In der topographischen und meteorologischen Architektur Nordrhein-Westfalens stellt dieses Gelände eine singuläre Anomalie dar, die eine detaillierte flugtechnische Dekonstruktion erfordert. Für den unbedarften Betrachter mag es sich um eine bescheidene Höhendifferenz von 120 Metern handeln; für den versierten Aviatiker jedoch manifestiert sich hier ein komplexes Mikroklima-System, das durch strenge luftrechtliche Vertikalbegrenzungen und anspruchsvolle aerodynamische Startbedingungen definiert wird.
Dieser Bericht dient als umfassendes operatives Handbuch – ein "Expert Guide" – der weit über die rudimentären Daten der DHV-Geländedatenbank hinausgeht. Er analysiert die feingranularen Aspekte der lokalen Strömungsmechanik, die ökologischen Symbiosen, die luftrechtlichen Fesseln des Flughafens Köln/Bonn und die taktischen Entscheidungsmatrizen, die für einen sicheren Flugbetrieb unabdingbar sind. Die Stachelhardt fungiert in der regionalen Fliegerszene als technischer Filter: Die Kombination aus "Schneisenstart" und strikter B-Schein-Pflicht für Gleitschirmpiloten segregiert den Gelegenheitsflieger vom präzise operierenden Piloten.
Die vorliegende Analyse integriert sämtliche verfügbaren Datenpunkte – von historischen Unfalldaten über mikrometeorologische Messwerte bis hin zu ornithologischen Schutzbestimmungen – zu einem kohärenten Narrativ. Ziel ist es, dem fortgeschrittenen Piloten nicht nur das Wie des Fliegens an der Stachelhardt zu vermitteln, sondern das fundamentale Warum der dort herrschenden Bedingungen zu entschlüsseln.
Das Gelände Stachelhardt befindet sich exakt an den Koordinaten N 50°46'51.18" E 7°22'36.28". Der Startplatz liegt auf einer Elevation von 210 Metern MSL (Mean Sea Level), während sich der offizielle Landeplatz in den Auen der Sieg bei Bülgenauel auf 90 Metern MSL befindet. Dies resultiert in einer nutzbaren Höhendifferenz von rechnerisch 120 Metern.
Diese vertikale Beschränkung darf jedoch nicht über die aerodynamische Komplexität hinwegtäuschen. Das Gelände ist kein freier Wiesenhang, wie er in den Alpen oft vorzufinden ist, sondern eine Waldschneise. Diese künstliche Zäsur im Forstbestand, orientiert nach Süden, fungiert als aerodynamische Düse. Der Bergrücken selbst verläuft in Ost-West-Richtung und fällt steil zum Siegtal ab. Die Topographie ist hierbei nicht laminar, sondern durch vorgelagerte Kuppen und dichten Mischwaldbestand strukturiert, was bei Windabweichungen signifikante Turbulenzcluster generieren kann.
Das definierende Merkmal der Stachelhardt ist die Waldschneise. Der Startplatz ist eine schmale Erdrampe, flankiert von hochwachsendem Baumbestand. Diese Konfiguration erzeugt spezifische strömungsmechanische Phänomene, die jeder Pilot intellektuell durchdrungen haben muss, bevor er den Schirm auslegt.
Der Venturi-Beschleuniger: Bei idealer Anströmung (Süd, 170°-190°) wirkt die Schneise wie ein Trichter. Die Luftmassen werden komprimiert und in die Startgasse hinein beschleunigt. Dies hat zur Folge, dass die Windgeschwindigkeit an der Abrisskante oft höher ist als im freien Luftraum davor oder dahinter. Für den Startvorgang bedeutet dies: Exzellente Fülleigenschaften auch bei schwachem überregionalem Wind, aber auch eine Tendenz zum "Überschießen" des Kappenprofils.
Die Scherwind-Guillotine: Sobald der Wind den idealen Sektor verlässt und eine westliche oder östliche Komponente aufweist (> 15-20 Grad Abweichung), transformiert sich der Vorteil der Schneise in eine signifikante Gefahr. Die seitlichen Baumreihen induzieren mechanische Leewirbel (Rotoren), die in den Startkorridor hineinrollen. Ein Pilot, der sich am Boden in einer scheinbaren Windstille wähnt, kann wenige Meter nach dem Abheben in eine Scherung geraten, die zu einem asymmetrischen Kappenklapper führt. Dieses Phänomen ist die primäre Ursache für die berüchtigten "Baumlandungen" unmittelbar nach dem Start.
Die Sieg fungiert nicht nur als geographische Entwässerungslinie, sondern als thermischer Trigger und Windkanal.
Talwind-Systeme: An Tagen mit hoher Einstrahlung entwickelt sich im Siegtal ein lokales Windsystem. Im Gegensatz zu tiefen Alpintälern ist dieses jedoch oft subtil und wird stark vom überregionalen Meteowind überlagert. Ein dominanter Westwind kann durch den Flusslauf kanalisiert werden, was am Landeplatz in Bülgenauel zu signifikant anderen Windwerten führen kann als am Startplatz in 210 Metern Höhe.
Thermische Ablösestellen: Der klassische "Hausbart" (die zuverlässigste Thermikquelle) entsteht oft durch den Kontrast zwischen dem sich erwärmenden Nadel- und Mischwald und den kühleren Flussauen. Die Bahnlinie, die parallel zur Sieg verläuft, wirkt mit ihrem Schotterbett als zusätzlicher Wärmekollektor. Erfahrene Piloten suchen diese Ablösungen oft leicht östlich oder direkt vor der Schneise, wo die Sonneneinstrahlung am intensivsten auf den Hang trifft.
Die Stachelhardt ist kein rechtsfreier Raum, sondern ein hochgradig reguliertes Fluggelände. Der Erhalt dieses Geländes ist das Resultat jahrzehntelanger diplomatischer Arbeit des Delta-Club Rheinland e.V. im Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Grundstückseigentümern und Luftfahrtbehörden. Verstöße gegen die etablierten Regeln gefährden direkt die Betriebserlaubnis.
Die markanteste regulatorische Besonderheit der Stachelhardt ist die Divergenz in den Lizenzanforderungen:
Hängegleiter (Drachen): Hier ist der A-Schein (beschränkter Luftfahrerschein) ausreichend. Die starre Struktur der Drachen macht sie weniger anfällig für die Klapper-Gefahr in der Schneise.
Gleitschirme: Der B-Schein (unbeschränkter Luftfahrerschein) ist ZWINGEND erforderlich.
Begründung der B-Schein-Pflicht: Diese Auflage ist keine willkürliche Bürokratie, sondern eine direkte Konsequenz der Sicherheitsanalyse. Gleitschirme sind in der kritischen Phase des Abhebens und des Durchfliegens der Schneise extrem vulnerabel gegenüber asymmetrischen Strömungsabrissen. Der B-Schein attestiert dem Piloten erweiterte Kenntnisse in Meteorologie, Flugtechnik und Gefahreneinweisung, die notwendig sind, um die binäre Entscheidung ("Starten" oder "Abbrechen") in der engen Schneise korrekt zu treffen. Flugschüler mit A-Schein oder Piloten ohne Streckenfluglizenz fehlen oft die kognitiven Modelle, um die unsichtbaren Rotoren der Baumwipfel korrekt zu antizipieren.
Unabhängig von Lizenz und Erfahrung darf kein Pilot ohne vorherige Geländeeinweisung an der Stachelhardt starten. Diese Einweisung ist nicht nur eine formale Pflicht, sondern ein Sicherheitsbriefing, das folgende Punkte abdeckt:
Starttechnik: Spezifika des Rückwärtsaufziehens in der engen Gasse.
Luftraumstruktur: Die unsichtbare, aber fatale Decke von 2.500 ft.
Landeanflug: Die spezifische Volte, um Fluss und Bahnlinie sicher zu überqueren.
Naturschutz: Tabuzonen (Horstschutzzonen), die saisonal variieren können.
Es wird dringend empfohlen, den Delta-Club Rheinland e.V. vor dem ersten Besuch zu kontaktieren (via Website www.delta-club.de). Ein "wildes" Auftauchen am Startplatz ohne Kontakt führt oft zu Spannungen und Flugverbot durch die Startleiter.
Gastpiloten sind willkommen, unterliegen aber strengen Restriktionen, um die Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten:
Anwesenheitspflicht: Gastflüge sind nur in Anwesenheit eines Clubmitglieds gestattet. Dies stellt sicher, dass immer eine lokale Aufsichtsperson greifbar ist.
Dokumentation: Der Eintrag in das am Startplatz ausliegende Flugbuch (Flugleiterbericht) ist vor jedem Start obligatorisch.
Gebühren: Es wird eine Tagesgebühr von 5,00 € erhoben , die dem Erhalt der Infrastruktur dient.
Schulungsverbot: Kommerzielle Schulung für den A-Schein ist untersagt. Fortgeschrittene B-Schein-Ausbildung ist nur unter strengen Auflagen (Fluglehrer am Startplatz) erlaubt.
Die Stachelhardt ist effektiv ein "Hike & Fly"-Gelände, da die Zufahrt zum Startplatz für den privaten PKW-Verkehr gesperrt ist. Dies dient dem Lärmschutz der Anwohner und dem Naturschutz.
Landeplatz-Check: Es ist gängige Praxis, zunächst den Landeplatz in Bülgenauel anzufahren, um die Windbedingungen im Tal zu prüfen und sicherzustellen, dass keine landwirtschaftlichen Hindernisse (Weidezäune, Tiere) die Landewiese blockieren.
Parken für den Start: Die Auffahrt zum Start erfolgt über die Gemeinde Honscheid.
Route: Von Hennef-Ost über die Landstraße Richtung Stadt Blankenberg, dann nach Bülgenauel (Landeplatz-Check), weiter Richtung Merten und hinauf nach Honscheid.
Parkplatz: Nutzen Sie ausschließlich den ausgewiesenen Wanderparkplatz in Honscheid (erkennbar an der Schranke). Das Parken in den engen Dorfstraßen oder auf Wirtschaftswegen führt zu Konflikten mit der lokalen Bevölkerung und Landwirten.
Vom Parkplatz Honscheid führt ein geteerter Wirtschaftsweg ca. 500 Meter (10-15 Minuten Gehzeit) fast ebenerdig zum Startplatz. Dies ist der entspannte Teil. Für Piloten, die nach der Landung wieder zum Start wollen, existiert ein sportlicherer Weg:
Vom Landeplatz über die Siegbrücke zur S-Bahn-Station Merten.
Dem Feldweg nach links folgen und dann den steilen Pfad ("Am Ausläufer des Bergrückens") durch den Wald nehmen.
Dauer: Ca. 40 Minuten steiler Aufstieg. Dieser Pfad erfordert Kondition und Trittsicherheit, besonders bei feuchtem Waldboden.
Der Start an der Stachelhardt ist der technisch anspruchsvollste Teil des gesamten Fluges. Die DHV-Datenbank listet die Startrichtungen als Süd (S), mit Toleranzen nach Süd-West (SW) und Süd-Ost (SO). Die Realität vor Ort verlangt jedoch eine wesentlich präzisere Analyse.
Das "Goldene Fenster" (170° bis 190°): Wenn der Wind exakt von vorne in die Schneise weht, ist der Start ein Genuss. Die Luft wird laminar beschleunigt, der Schirm füllt sich fast von selbst.
Die Lee-Fallen (SO und SW):
Süd-Ost (SO): Hier droht Gefahr durch das Gelände links der Schneise. Der Wind muss über den östlichen Begrenzungswald strömen, was zu Turbulenzen im unteren Drittel der Schneise führen kann.
Süd-West (SW): Ähnlich kritisch. Da der Wind schräg auf die Schneisenkante trifft, entstehen an der westlichen Baumreihe Ablösungen ("Curl-Over"-Effekte). Ein Pilot kann am Boden guten Wind spüren, aber in 5 Metern Höhe in den Abwind der Baumreihe geraten.
Das absolute Verbot (Ost/West/Nord): Bei reinem Ost- oder Westwind ist der Start UNFLIEGBAR. Die Schneise liegt dann im Lee oder Querstrom. Ein Startversuch endet mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Bäumen. Ein Blick auf die ParaglidingMap-Daten zeigt bei Ostwind (95°) korrekterweise den Status "Wrong Direction".
Vorbereitung: Der Platz ist limitiert. Die "schmale Erdrampe" erlaubt oft nur einem Piloten das Auslegen. Effizienz ist geboten. Sortieren Sie Ihre Leinen penibel – der Untergrund ist teilweise steinig und wurzeldurchsetzt , was ein hohes Risiko für Leinenverhänger ("Snags") birgt.
Der Wind-Check: Beobachten Sie nicht nur den Windsack am Startplatz.
Indikator 1: Die kleinen Windfähnchen unterhalb der Rampe. Diese zeigen die bodennahe Strömung an.
Indikator 2: Die Bewegung der Baumwipfel seitlich der Schneise. Wenn diese stark schwanken, während es am Boden ruhig ist, herrscht ein starker Gradient mit Scherungsgefahr.
Die Aufziehphase:
Rückwärtsaufziehen (Reverse Launch): Dies ist für Gleitschirme de facto Pflicht. Nur so kann der Pilot die Kappe kontrollieren und Asymmetrien sofort korrigieren. Ein Vorwärtsstart ("Alpinstart") ist in einer Schneise ein unkalkulierbares Risiko, da der Pilot die Kappe nicht sieht.
Das "Überschießen": Rechnen Sie damit, dass der Schirm durch den Venturi-Effekt stärker nach vorne schießt als gewohnt. Ein gefühlvolles, aber bestimmtes Anbremsen im Scheitelpunkt ist essenziell.
Der Point of No Return: Sobald der Schirm oben steht, haben Sie ca. 5-10 Meter Laufstrecke bis zur steilen Kante. Wenn der Schirm nicht 100% stabil steht oder eine Seite entlastet: ABBRUCH (KILL IT). Versuchen Sie niemals, einen schlechten Start in der Luft zu "retten". Die Bäume am Ausgang der Schneise verzeihen keine Fehler.
Sobald der Pilot die Sicherheit des Bodens verlassen hat, betritt er einen Luftraum, der durch seine vertikale Beschränkung einzigartig herausfordernd ist. Die Stachelhardt liegt direkt unter dem An- und Abflugsektor des internationalen Flughafens Köln/Bonn (EDDK).
Dies ist der kritischste Parameter für jeden Strecken- und Thermikflug an der Stachelhardt.
Boden: Das Gelände liegt auf ~210m MSL.
Decke: Der Luftraum C beginnt bei exakt 2.500 ft MSL (ca. 762 Meter).
Das operative Fenster: Zieht man die Starthöhe ab, verbleibt ein nutzbares Höhenband von nur ca. 550 Metern.
Tabelle 1: Vertikale Flugraum-Analyse
Schicht Höhe (MSL) Status Bedeutung für Piloten Luftraum C (Köln/Bonn) > 762 m (2500 ft) VERBOTEN Absolute Obergrenze. Einflug ist eine Straftat. Radartracking aktiv. Pufferzone 700 m - 762 m Warnbereich Vario-Alarm setzen! Hier sollte der Bart verlassen werden. Thermik-Arbeitsbereich 300 m - 700 m Ideal Hauptbereich für Soaring und Thermikflug. Startniveau 210 m Referenz Stachelhardt Startplatz. Landeplatz 90 m Ziel Bülgenauel / Sieg-Auen. Export to Sheets
Konsequenzen für XC (Cross Country): Der 2.500 ft Deckel tötet effektiv die meisten ambitionierten Streckenflugträume, die auf hohe Basis angewiesen sind. Während das Soaring exzellent sein kann, ist das thermische Steigen hart gedeckelt.
Die Vario-Strategie: Stellen Sie Ihren Höhenalarm am Vario auf 730 Meter. Wenn der Alarm ertönt, müssen Sie den Bart sofort verlassen oder "Ohren anlegen". Ein Drift in den Luftraum C wird vom Primärradar in Köln/Bonn erfasst. Dies gefährdet nicht nur Ihre Lizenz, sondern die Existenzberechtigung des gesamten Fluggeländes.
Kontrollzone (CTR): Unmittelbar westlich des Geländes beginnt die CTR Köln/Bonn, die bis zum Boden reicht. Ein Abdriften nach Westen bei Südwind ist tunlichst zu vermeiden. Orientieren Sie sich an markanten Bodenmerkmalen (Straßen, Ortschaften), die als virtuelle Grenze dienen.
Trotz der Höhenbeschränkung bietet die Stachelhardt qualitativ hochwertige Thermik, die präzises Fliegen belohnt.
Lokalisierung: Der primäre Thermik-Trigger ("Hausbart") befindet sich oft direkt vor der Schneise oder leicht östlich davon. Die Sonne heizt den bewaldeten Hang und die darunterliegende Bahnlinie auf.
Technik: In den Foren und Berichten wird oft das "Soaring" hervorgehoben. Beim Soaren am Hang ist Disziplin gefragt:
Drehrichtung: Es gelten die Standard-Ausweichregeln (Hang rechts vor links).
Abstand: Halten Sie genügend Abstand zum Wald, um nicht in die Randturbulenzen zu geraten, aber bleiben Sie nah genug, um das Aufwindband zu nutzen.
Aktives Fliegen: Wie in Analysevideos demonstriert, erfordert die oft enge und zerrissene Thermik an der Stachelhardt ein aktives "Nicken" und Pitch-Control. Der Pilot muss den Schirm aktiv führen, um im Kern zu bleiben, ohne in das Lee hinter der Kuppe gedrückt zu werden.
Der Landeplatz in Bülgenauel ist eine große Wiese, doch der Weg dorthin ist mit Hindernissen gepflastert, die eine klare Strategie erfordern.
Die wichtigste Regel für die Landung lautet: Überquere die Sieg mit Höhenreserve..
Die Falle: Piloten, die zu lange am Hang "kratzen" (verzweifeltes Suchen nach Nullschieber in Bodennähe), laufen Gefahr, die Gleitstrecke über den Fluss nicht mehr zu schaffen.
Sicherheitsmarge: Planen Sie Ihren Abflug vom Hang so, dass Sie die Sieg mit mindestens 50-100 Metern über Grund überqueren. Bedenken Sie, dass im Flusstal oft ein Düseneffekt (Talwind) herrscht, der als Gegenwind Ihre Gleitzahl im Finalanflug dramatisch verschlechtern kann. Eine "Wasserlandung" in der Sieg ist im Winter/Frühjahr lebensgefährlich (Kälte, Strömung).
Landeplatz-Koordinaten: N 50°46'36.00" E 7°22'23.00".
Hindernisse:
Die Bahnlinie: Verläuft parallel zum Fluss und Landeplatz. Ein Überfliegen der Oberleitungen in niedriger Höhe ist absolut tabu. Turbulenzen durch vorbeifahrende Züge sind möglich.
Stromleitungen: Achten Sie auf lokale Versorgungsleitungen am Ortsrand.
Einteilung: Eine saubere Landevolte (Positionskreis, Gegenanflug, Queranflug, Endanflug) ist obligatorisch. Die Wiese ist groß genug für Drachen und Gleitschirme, aber oft thermisch aktiv. Rechnen Sie im Endanflug mit "Heben" oder plötzlichem Sinken durch thermische Ablösungen.
Bodenbeschaffenheit: Die Wiesen können nach Regenfällen weich und matschig sein, was das Laufen beim Landen erschwert.
Obwohl die Stachelhardt statistisch gesehen kein Unfallschwerpunkt ist, zeigen historische Daten spezifische Risikomuster auf.
Berichte über Baumlandungen und Rettungseinsätze sind in der Geschichte des Geländes präsent.
Szenario: Ein Pilot startet, erleidet kurz nach dem Abheben einen Klapper (oft durch Seitenwind-Rotoren in der Schneise) und verliert die Kontrolle. Er dreht ab und landet in den hohen Bäumen unterhalb oder seitlich des Starts.
Konsequenz: In einem Fall musste ein 53-jähriger Pilot nach einem Klapper in 5-7m Höhe versorgt werden. In anderen Fällen war die aufwendige Bergung durch die Höhenrettung der Feuerwehr Hennef erforderlich, da das Gelände extrem steil und unwegsam ist ("Steilhang").
Prävention:
Airspeed is Life: Fliegen Sie nach dem Start mit maximaler Geschwindigkeit (Hände hoch, evtl. leicht beschleunigt), um den Innendruck der Kappe hoch zu halten und die Steuerbarkeit zu maximieren. Kein "Hineinhungern" in die Luft durch Anbremsen ("Sackfluggefahr").
Abbruch-Disziplin: Brechen Sie den Start lieber einmal zu viel ab als einmal zu wenig.
Bei Wind aus Nord oder Nord-Ost liegt der Startplatz im Lee des Bergrückens. Dies ist tückisch, da die Schneise selbst windstill wirken kann, während oben drüber der Wind "herunterfällt" (Rotor). Starten Sie niemals bei nördlichen Komponenten. Die Turbulenzen treffen Sie, sobald Sie die schützende Waldkante überhöhen.
Schirmklasse: EN-A oder gutmütige EN-B Schirme sind ideal. Hochleister (EN-C/D) mit hoher Streckung sind in der engen Schneise schwerer zu handhaben. Die Tendenz der Hochleister, sich bei Fehlstarts zu verhängen ("Krawatten"), ist hier besonders problematisch.
Gurtzeug: Ein Gurtzeug mit Protektor (Schaum oder Airbag) ist unverzichtbar. Der steinige Startplatz und die Gefahr eines harten Aufpralls bei Startabbruch verlangen passiven Schutz.
Schuhe: Knöchelhohe Bergschuhe mit griffiger Profilsohle sind Pflicht, um auf der "schmalen Erdrampe" und beim steilen Aufstieg sicheren Halt zu haben.
Die Stachelhardt ist kein Gelände für "Ego-Shooter". Die Nähe zum Club, die enge Verzahnung mit dem Naturschutz und die technische Enge erfordern Demut und Respekt.
Kommunikation: Suchen Sie das Gespräch mit den Locals ("Local Knowledge"). Fragen Sie: "Geht es gerade gut? Was macht der Wind da draußen?"
Verzicht: Lernen Sie, "Nein" zu sagen. Wenn der Wind böig ist oder zu weit westlich steht, packen Sie zusammen und gehen wandern. Die Siegtal-Region bietet exzellente Alternativen.
Warum die Stachelhardt fliegen, wenn es Alternativen gibt?
Vergleich mit Herchen: Das Fluggelände Herchen ist eine regionale Alternative.
Ausrichtung: Herchen ist oft bei Ostwind (O) nutzbar, wenn die Stachelhardt (Süd) nicht geht.
Höhe: Herchen ist etwas niedriger (190m Start), aber topographisch ähnlich.
Strategie: Nutzen Sie die beiden Gelände komplementär. Ostwind -> Herchen. Südwind -> Stachelhardt.
Vergleich mit Alpen: An der Stachelhardt lernt man das "Mikro-Lift-Fliegen". Während man in den Alpen oft in breiten +4 m/s Bärten kreist, muss man an der Stachelhardt oft +0,5 m/s zentrieren, ohne aus dem schmalen Bart zu fallen. Dies schult die Feinmotorik und das Gefühl für die Kappe extrem.
Die Stachelhardt in Hennef-Bülgenauel ist ein Juwel der nordrhein-westfälischen Gleitschirmszene, aber ein Juwel mit scharfen Kanten. Sie bietet bei den richtigen Bedingungen (reiner Südwind, thermische Aktivität, Frühjahr/Frühsommer) Flüge von atemberaubender Schönheit über der Flusslandschaft der Sieg. Der Blick bis zum Siebengebirge ist die Belohnung für die Mühen des Aufstiegs und die mentale Anspannung des Starts.
Doch das Gelände verzeiht keine Nachlässigkeit. Der "Schneisenstart" ist ein Filter, der technische Unzulänglichkeiten gnadenlos aufdeckt. Die Luftraumdecke von 2.500 ft erfordert ständige Aufmerksamkeit. Wer hier fliegt, muss ein "denkender Pilot" sein – einer, der Meteorologie, Aerodynamik und Luftrecht in Echtzeit prozessiert.
Für den Piloten, der bereit ist, sich auf diese Bedingungen einzulassen, bietet die Stachelhardt eine Schule der Präzision. Sie transformiert den "Passagier unter dem Schirm" zum echten "Piloten in Command".
Zusammenfassung der kritischen Parameter
Beste Bedingungen: Südwind (170°-190°), 10-15 km/h, Frühjahrsthermik.
Todeszone: Ostwind (95°), Nordwind, Westwind > 20 km/h.
Lizenz: B-Schein (GS), A-Schein (HG).
Kontakt: Delta-Club Rheinland e.V. (Einweisungspflicht!).
Motto: "Lieber am Boden stehen und wünschten, man wäre oben, als oben zu sein und wünschten, man wäre unten."