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Fluggebietsanalyse Neuhofer Graben am Laber: Der ultimative Guide für anspruchsvolles Gleitschirmfliegen in den Ammergauer Alpen
Die Flugregion um den Laber bei Oberammergau stellt eine der faszinierendsten, aber auch technisch anspruchsvollsten Arenen für Gleitschirm- und Drachenflieger im bayerischen Alpenraum dar. Während touristisch überlaufene Gebiete oft durch eine monotone Infrastruktur und überfüllte Startplätze glänzen, bewahrt sich der Laber – und insbesondere der als Neuhofer Graben bekannte Nordhang – den Charakter eines echten Alpin-Revier für Kenner. Die folgende Analyse beleuchtet jede Facette dieses Geländes, von den mikroklimatischen Besonderheiten bis hin zu den logistischen Details, die weit über die standardisierten Datenbankeinträge des Deutschen Gleitschirmverbandes hinausgehen.
Executive Summary
Der Startplatz Neuhofer Graben (Laber Nordhang) ist ein hochalpines Gelände, das eine präzise Starttechnik und eine fundierte meteorologische Einschätzung verlangt. Mit einer Höhendifferenz von über 800 Metern bietet der Laber exzellente Voraussetzungen für Thermik- und Streckenflüge, insbesondere in Richtung Westen zum Tegelberg oder nach Süden in das Wettersteingebirge. Die Infrastruktur ist durch die nostalgische Laber-Bergbahn geprägt, die den Transport zum Gipfel zu einem Erlebnis für sich macht. Für Anfänger ist das Gelände aufgrund des extrem steilen Startplatzes und der komplexen Talwindsysteme ausdrücklich nicht geeignet. Eine sorgfältige Planung unter Berücksichtigung der Luftraumbeschränkungen (ED-R Ammergau) und der spezifischen Lee-Gefahren bei Ostwind ist für einen sicheren Flugtag unerlässlich.
Parameter Spezifikation Eignung
Erfahrene Piloten (A-Lizenz zwingend, B-Schein empfohlen)
Höhendifferenz
802 m bis 814 m
Hauptstartrichtung
Nord (Neuhofer Graben), Nordwest, Nordost
Besonderheit
Steiler, unebener Startplatz; bei Nässe extrem rutschig
Wichtigste Gefahr
Lee-Turbulenzen bei starkem Westwind oder „Bayerischem Wind“ (Ost)
Die Laber-Bergbahn: Ein technisches Denkmal als Tor zum Himmel
Die Logistik am Laber ist untrennbar mit der Laber-Bergbahn verbunden. Diese Seilbahn, die im Jahr 1957 eröffnet wurde, ist die weltweit letzte ihrer Art: Eine Großkabinen-Zweiseil-Umlaufbahn, die noch im regulären Betrieb steht. Für den Gleitschirmflieger bedeutet die Fahrt mit dieser Bahn eine Entschleunigung, die einen wichtigen Kontrast zur oft hektischen Vorbereitung am Startplatz bildet. Die Talstation befindet sich im Oberammergauer Ortsteil St. Gregor auf einer Höhe von etwa 900 Metern.
Die Parkplatzsituation an der Talstation ist in der Regel entspannt, wobei Piloten darauf achten sollten, ihre Fahrzeuge ausschließlich auf den markierten Flächen abzustellen, um die landwirtschaftlichen Wege freizuhalten. Ein spezieller Shuttle-Dienst existiert nicht, da die Bergbahn die primäre Aufstiegshilfe darstellt. Dennoch ist die Bahn für ihre Fliegerfreundlichkeit bekannt; Piloten, die sich gegen einen Flug entscheiden, können kostenlos wieder ins Tal fahren.
Ticket-Kategorie Preisgestaltung (Stand 2025/2026) Einfache Bergfahrt
14,50 €
Jahreskarte für Piloten
125,00 €
Tagesgastmitgliedschaft
4,00 € (obligatorisch an der Kasse zu lösen)
Die Betriebszeiten variieren saisonal. In der Regel ist die Bahn von April bis Anfang November zwischen 9:00 und 17:00 Uhr in Betrieb. Ein besonderes logistisches Highlight für Piloten, die den Abendwind nutzen wollen, sind die Donnerstage im Hochsommer (Juni bis August), an denen die Bahn ihren Betrieb bis 22:00 Uhr verlängert.
Der Neuhofer Graben: Topographie und Startplatz-Analyse
Der für Gleitschirme einzig zugelassene Startplatz am Laber ist der Nordhang, der unmittelbar nordöstlich der Bergstation liegt und den Blick in den Neuhofer Graben freigibt. Die Topographie dieses Platzes ist als anspruchsvoll einzustufen. Er liegt auf einer Höhe von 1682 m NN und ist durch einen naturbelassenen, extrem steilen und unebenen Alpinrasen charakterisiert.
Die GPS-Koordinaten des Startplatzes lauten:
Startplatz Nord (GS/HG): 47° 35′ 10.19″ N, 011° 6′ 13.98″ E
Die technische Herausforderung am Neuhofer Graben ergibt sich aus der Neigung des Geländes. Ein Gleitschirm muss hier mit hoher Präzision aufgezogen werden. Da der Hang so steil ist, besteht die Gefahr, dass die Kappe den Piloten beim Aufziehen bereits aushebelt, bevor eine ausreichende Kontrolle des Schirms stattgefunden hat. Zudem ist der Boden oft feucht und damit extrem rutschig, was die Unfallgefahr bei Fehlstarts massiv erhöht. Lokale Piloten betonen immer wieder, dass das Fluggerät erst unmittelbar vor dem Start aufgebaut werden darf, um den begrenzten Platz für Wanderer und andere Flieger nicht unnötig zu blockieren.
Neben dem Nordhang gibt es zwei weitere Rampen, die jedoch ausschließlich Drachenfliegern (Hängegleitern) vorbehalten sind:
Südrampe: Direkt an der Bergstation (47° 35′ 9.34″ N), sehr kurz und flach. Hier droht die Gefahr des „Durchtauchens“ nach dem Start.
Westrampe: Etwa zehn Minuten Fußmarsch entfernt über teilweise ausgesetztes Gelände (47° 35′ 5.56″ N). Dieser Platz ist nur für erfahrene B-Schein-Inhaber zugelassen und bietet eine ruhige Alternative für Liebhaber westlicher Startrichtungen.
Meteorologische Dynamik: Thermik, Talwind und die Tücke des Ostwinds
Die Flugbedingungen am Laber werden von der exponierten Lage am Nordrand der Ammergauer Alpen diktiert. Im Gegensatz zu geschützten Inntal-Gebieten ist der Laber den großräumigen Windströmungen oft schutzlos ausgeliefert.
Thermikzyklen und beste Flugzeiten
Die Thermik am Nordhang entwickelt sich aufgrund der Exposition erst gegen Mittag richtig. Während am Vormittag oft noch ein leichter Abwind herrscht oder die Luftmassen stabil geschichtet sind, erwärmen sich die Felsflanken unterhalb des Gipfels ab etwa 12:00 Uhr massiv.
Thermische Hotspots: Die zuverlässigste Thermikquelle ist das sogenannte „Köpferl“, eine kleine Felsnase unterhalb des Startplatzes. Hier wird die aufsteigende Warmluft oft wie in einem Kamin gebündelt.
Beste Jahreszeit: Das Frühjahr (März bis Mai) bietet die stärksten Steigwerte, ist aber oft von turbulenten Bedingungen geprägt. Für Genussflieger sind die stabilen Hochdrucklagen im Spätsommer und Frühherbst ideal, wenn die Talwinde schwächer werden.
Das Phänomen des „Bayerischen Winds“
Eine der größten meteorologischen Herausforderungen am Laber ist der Ostwind, lokal oft als „Bayerischer Wind“ bezeichnet. Bei großräumigen Hochdrucklagen mit einem leichten Gradienten aus dem Osten verstärkt sich dieser Wind am Nachmittag im Alpenvorland. Da das Loisachtal und das Ammergau eine spezifische Düsenwirkung entfalten, kann der Ostwind im Talbereich von Oberammergau sehr kräftig werden.
Die Konsequenz für Piloten ist fatal: Die offiziellen Landeplätze liegen bei Ostwind im Lee der umliegenden Berge. Dies führt zu massiven Turbulenzen, unberechenbarem Sinken und gefährlichen Rotoren im Endanflug. Eine präzise Beobachtung der Windfahnen im Tal und am Gipfel ist daher zwingend erforderlich.
Windrichtung Charakteristik am Laber Risiko-Einstufung Nord Ideal für den Start am Neuhofer Graben. Sicher / Empfohlen Nordwest Gute Bedingungen, Thermik versetzt leicht nach Osten. Sicher West Gefahr von Lee-Turbulenzen durch das Laberhaus und Bäume am Startplatz.
Hoch / Gefährlich
Ost Lee-Problematik am Landeplatz; starke Turbulenzen im Tal.
Kritisch
Süd Am Nordhang herrscht dann oft ein gefährlicher Rückenwind-Rotor. Nicht fliegbar für GS XC-Masterplan: Vom Ammergau in die Welt
Der Laber ist ein klassischer „Absprungberg“ für Streckenflieger. Wer es schafft, am Neuhofer Graben die erste Thermik zu nutzen und über Gipfelniveau aufzudrehen, dem öffnet sich ein weites Feld an Möglichkeiten.
Die West-Route zum Tegelberg
Dies ist die Standard-XC-Route für viele ambitionierte Piloten. Das Ziel ist meist das „Osterfelderdreieck“ oder eine direkte Querung zum Tegelberg bei Füssen.
Phase 1: Aufdrehen am Gipfel. Es ist essenziell, so viel Höhe wie möglich zu gewinnen, da der Talsprung Richtung Ettaler Mandl oder Notkarspitze Energie kostet.
Phase 2: Die Querung. Der Flug führt entlang des markanten Grates der Ammergauer Alpen. Hierbei muss man die sensiblen Gebiete des Nationalparks beachten.
Phase 3: Der Tegelberg-Anschluss. Bei Füssen trifft man oft auf die Thermikwolken des Tegelbergs, die einen weiteren Vorstoß ins Allgäu ermöglichen.
Die historische Route nach Italien
Obwohl dies heute aufgrund der Luftraumkomplexität seltener gelingt, wurden vom Laber aus bereits Flüge mit Drachen bis zum Lago Maggiore dokumentiert. Dies erfordert eine massive Basis und einen perfekten Tag mit Nord-Nordost-Strömung, um über den Fernpass und den Alpenhauptkamm zu gelangen.
XC-Landeplätze und Außenlandetaktik
Entlang der Westroute gibt es zahlreiche Wiesen im Talbereich von Graswang und Ettal. Piloten sollten jedoch beachten, dass das Ammergebirge weite Strecken ohne einfache Außenlandemöglichkeiten aufweist, sobald man tief in die Gebirgsstöcke einfliegt. Eine konservative Flugweise ist hier Pflicht.
Landung im „Himmelreich“: Präzision zwischen Schwimmbad und NATO-Draht
Die Landung in Oberammergau ist kein triviales Unterfangen. Es gibt zwei primäre Plätze, die unterschiedliche Anforderungen stellen.
Gleitschirm-Landeplatz „Im Himmelreich“
Dieser Platz befindet sich nordwestlich des Wellenberg-Schwimmbads.
Koordinaten: 47° 35′ 58.85″ N, 011° 4′ 47.40″ E
Höhe: 890 m NN
Anflugregeln: Eine Mindesthöhe von 150 m über dem Schwimmbad „Wellenberg“ ist strikt einzuhalten. Ebenso dürfen die NATO-Gebäude (NATO-Schule) nicht überflogen werden.
Gefahren: Bei thermischen Bedingungen kann der Talwind hier sehr bockig sein. Zudem führt der bereits erwähnte Ostwind zu Lee-Bedingungen am Boden.
Drachen-Landeplatz „Im Winkl“
Dieser Platz liegt ca. 800 m nordwestlich der Talstation.
Koordinaten: 47° 36′ 18.64″ N, 011° 4′ 21.76″ E
Höhe: 870 m NN
Charakter: Eine geneigte Wiese, die für Drachenflieger aufgrund ihrer Länge vorteilhaft ist, aber ebenfalls unter Lee-Problemen bei Ostwind leidet.
Wichtig für alle Piloten: Es darf keinesfalls mit Fahrzeugen in die Wiesen gefahren werden. Das Equipment ist am Rand zusammenzulegen.
Lokale Expertise und „Geheimwissen“
Was diesen Guide besser macht als den DHV-Eintrag, ist die Integration der „leisen Töne“ vom Berg.
Was Locals wissen
Lokale Piloten meiden den Laber oft bei feuchter Witterung. Der Boden am Nordhang besteht aus einer speziellen Grasart, die bei Nässe glatt wie Schmierseife wird. Ein Ausrutschen beim Startlauf führt hier unweigerlich zu einer gefährlichen Rutschpartie den extrem steilen Hang hinunter.
Ein weiterer Tipp betrifft die Webcams. Während die meisten Piloten nur die Wetterstationen prüfen, schauen die Experten auf die Panomax 360° Webcam auf dem Laber. Sie zeigt nicht nur die Bewölkung, sondern durch die Bewegung der Windfahnen an der Bergstation auch die exakte Anströmung.
Fehler von Neulingen
Viele Piloten, die vom einfacheren Hörnle oder dem Tegelberg kommen, unterschätzen den Düseneffekt unterhalb des „Köpferls“. Sie fliegen zu nah am Gelände und werden von den dort beschleunigten Luftmassen überrascht. Ebenso ist das Überfliegen der Bergbahnkabel ein häufiger Kritikpunkt des Vereins; eine Mindesthöhe von 50 m ist hier nicht nur eine Empfehlung, sondern eine rechtliche Notwendigkeit.
Sicherheit, Luftraum und Vereinsregeln
Der Laber liegt in einer luftrechtlich sensiblen Zone. Westlich des Berges befindet sich das Gebiet ED-R Ammergau, ein militärisches Sperrgebiet.
ED-R Status: Piloten müssen vor dem Start prüfen, ob die ED-R aktiv ist. Wenn ja, ist das Einfliegen verboten. Aktivierungszeiten werden oft kurzfristig bekannt gegeben, meist unter der Woche für militärische Übungen.
Hubschrauber-Übungen: Die Bundeswehr nutzt die Region häufig für Gebirgsflugtrainings. Es ist jederzeit mit tieffliegenden Transporthubschraubern zu rechnen, die keine Rücksicht auf Gleitschirme nehmen können.
Vereinskontakt: Das Gelände wird vom Ammergauer Drachen- und Gleitschirmflieger e.V. verwaltet. Ansprechpartner ist oft Renate vom Verein, die an der Talstation oder über die Website erreichbar ist.
Notfall-Kontakt Information Allgemeiner Notruf 112 Bergwacht Oberammergau Über 112 erreichbar Laber-Bergbahn Tel.
+49 8822 4770
Funkfrequenz LPD Kanal 5 (lokale Absprache) Das Drumherum: Kulinarik und Logis
Nach einem erfolgreichen Flugtag gehört die Einkehr zur Fliegerkultur. Am Laber gibt es hierfür zwei erstklassige Anlaufstellen.
Die Laberei (Berggaststätte)
Direkt in der Bergstation gelegen, bietet „Die Laberei“ eine der besten Aussichtsterrassen der bayerischen Alpen. Die Küche ist regional geprägt und bietet warme Speisen bis 1,5 Stunden vor Betriebsschluss der Bahn.
Übernachtungsmöglichkeiten
Für mehrtägige Aufenthalte bietet Oberammergau vielfältige Optionen:
Campingpark Oberammergau: Ein moderner 4-Sterne-Platz am südlichen Ortsrand. Er verfügt über einen eigenen Reisemobilhafen, Zeltwiesen und Sanitäranlagen in exzellentem Zustand. Wichtig: Zwischen Januar und März ist der Platz oft wegen Sanierungsarbeiten geschlossen.
Hotel Feldmeier: Ein flugfreundliches Hotel in der Nähe der Liftstation, das oft von Piloten genutzt wird.
Königscard-Partner: Viele Unterkünfte bieten die Königscard an, die eine tägliche kostenlose Berg- und Talfahrt am Laber inkludiert – ein enormer Kostenvorteil für Vielflieger.
Vergleichsanalyse: Laber vs. Hörnle vs. Tegelberg
Um die Entscheidung für oder gegen den Laber zu erleichtern, hilft ein Vergleich mit den benachbarten Geländen.
Feature Laber (Neuhofer Graben) Hörnle (Bad Kohlgrub) Tegelberg (Füssen) Schwierigkeit
Anspruchsvoll
Einfach / Einsteiger
Mittel / Profi Höhendifferenz
802 m
505 m
850 m
Startcharakter
Steil, uneben
Sanfte Wiese
Rampen & Wiese XC-Einstieg
Sehr gut
Bedingt
Exzellent
Publikum
Wenige Experten
Familien & Schulen Massentourismus
Das Hörnle ist die perfekte Alternative, wenn der Wind am Laber zu stark ist oder man einen entspannten Flugtag ohne alpinen Stress sucht. Der Tegelberg hingegen ist die XC-Fabrik, bietet aber nicht die Ruhe und Exklusivität des Labers.
Abschließende Empfehlungen für den ambitionierten Piloten
Der Laber ist kein Berg, den man „einfach so“ mitnimmt. Er verlangt Vorbereitung. Ein Pilot, der den Neuhofer Graben zum ersten Mal besucht, sollte folgende Checkliste beachten:
Zustand des Startplatzes: Ist es nass? Wenn ja, ist höchste Vorsicht beim Standplatz geboten.
Wind-Check: Weht im Tal Ostwind? Falls ja, sollte man sich auf eine turbulente Landung einstellen oder den Flug frühzeitig beenden.
Luftraum: Ist die ED-R Ammergau aktiv? Ein Blick auf die Aushänge an der Talstation klärt dies meist sofort.
Ausrüstung: Ein leichter Schirm ist am steilen Hang oft einfacher zu händeln als ein schwerer Hochleister, der zum Überschießen neigt.
Wer diese Regeln befolgt, wird am Laber einen der spektakulärsten Ausblicke Bayerns genießen können – vom tiefblauen Soila-See direkt unter dem Gipfel bis hin zum ewigen Eis des Wettersteingebirges am Horizont. Der Laber bleibt ein Berg für Individualisten, die das Echte und Unverfälschte am Gleitschirmsport suchen.