
1 Startplatz, 1 Landeplatz
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Das Siegerland-Altimeter: Ein definitiver Guide zum Flugrevier Netphen und der Aerodynamik des Mittelgebirges
In der globalen Gemeinschaft der Gleitschirmpiloten neigt man dazu, Fluggebiete anhand einer einzigen Metrik zu bewerten: der vertikalen Höhendifferenz. Ein Blick auf die Karte, ein kurzer Scan der Geländedatenbank, und das Urteil ist oft schnell gefällt. Netphen, eingetragen unter der Nummer 614 in der Datenbank des Deutschen Hängegleiterverbandes (DHV), weist eine Höhendifferenz von lediglich 40 Metern auf. Für den leistungshungrigen Streckenjäger, der an die Kilometerfresserei in den Alpen oder den Anden gewöhnt ist, mag dies wie ein statistischer Ausreißer wirken – ein bloßer Hügel, kaum der Rede wert.
Doch diese oberflächliche Betrachtung verkennt die wahre Natur des Fliegens im deutschen Mittelgebirge. Netphen ist kein Ort für den Massentourismus des Himmels. Es ist kein Ort, an dem man sich durch reine Motorik und moderne Schirmleistung über technische Defizite hinwegretten kann. Vielmehr offenbart sich hier, tief im Herzen des Siegerlandes, ein Mikrokosmos der Aerodynamik, der weit mehr fordert und lehrt als mancher 1000-Meter-Abgleiter in stabilen Bedingungen. Dieser Report widmet sich dem Startplatz Netphen und seinem fliegerischen Umfeld mit einer Tiefe, die bewusst über die reinen Fakten der offiziellen Datenbanken hinausgeht. Wir betrachten Netphen nicht isoliert, sondern als Fallstudie für das technische Fliegen in komplexen, restriktiven Umgebungen – geprägt von meteorologischen Feinheiten, strengen ökologischen Auflagen und einer lebendigen, wenn auch exklusiven Vereinskultur.
Es ist ein Ort, an dem der „Ground Effect“ nicht nur ein theoretisches Kapitel im Lehrbuch ist, sondern ständiger Begleiter. Die Beherrschung des Schirms am Boden entscheidet hier nicht nur über die Eleganz des Starts, sondern über die bloße Möglichkeit, überhaupt in die Luft zu kommen. Wer Netphen meistert, meistert die Grundlagen des Fliegens in ihrer reinsten Form.
Das Fluggelände Netphen liegt geographisch eingebettet in die südwestlichen Ausläufer des Rothaargebirges, einer Region, die geologisch zum Rheinischen Schiefergebirge zählt. Diese Landschaft ist geprägt durch ein Wechselspiel aus dichten Mischwäldern, tief eingeschnittenen Tälern und sanften, aber windanfälligen Hügelketten. Der Startplatz selbst befindet sich auf einer Höhe von ca. 360 Metern über dem Meeresspiegel (MSL).
Für das Verständnis der lokalen Aerodynamik ist die relative Position zur Umgebung entscheidend. Netphen liegt in einer Übergangszone. Östlich erhebt sich das Gelände zum Hauptkamm des Rothaargebirges hin, was bei östlichen Windlagen oft zu Lee-Effekten führt. Westlich öffnet sich das Tal in Richtung Siegen, was dem dominierenden Westwind eine gewisse Einfallsschneise bietet. Die Nähe zur Obernautalsperre, die nur wenige Kilometer östlich liegt, ist nicht nur landschaftlich von Bedeutung. Große Wasserflächen fungieren als thermische Dämpfer, können aber in den Abendstunden, wenn das umliegende Land schneller abkühlt als das Wasser, interessante, wenn auch schwache Ausgleichsströmungen erzeugen – ein Phänomen, das bei einem so kleinen Hang jedoch eher sekundär ist.
Ein Hang mit nur 40 Metern Höhendifferenz verzeiht keine Fehler in der Startphase. In den Alpen hat ein Pilot nach einem missglückten Start oft noch hunderte Meter Luft unter dem Gurtzeug, um den Schirm zu stabilisieren, sich in das Gurtzeug zu setzen und die Flugbahn zu korrigieren. In Netphen entfällt dieser Puffer. Die Topographie ist hier nicht der Feind, sondern der strenge Lehrmeister.
Der Startbereich ist charakterisiert durch eine Wiese, die sanft in die Neigung übergeht. Es gibt keine steile Abrisskante, die den Piloten förmlich in die Luft saugt. Stattdessen muss die nötige Abhebeschwindigkeit durch saubere, dynamische Laufarbeit und perfekte Schirmkontrolle generiert werden. Der Pilot muss den Übergang vom Laufen zum Fliegen aktiv gestalten. Ein passives „Sich-Herausheben-Lassen“ führt hier unweigerlich dazu, dass man am Ende der Wiese wieder steht – oder im schlimmsten Fall in der Hecke landet.
Die Hinderniskulisse verschärft diese topographische Herausforderung. Die DHV-Geländedatenbank warnt explizit vor Stromleitungen in der Nähe. In der Realität bedeutet dies, dass der „Abflugkorridor“ mental eng begrenzt ist. Ein Pilot, der nach dem Start nicht sofort eine stabile, gerade Flugbahn einnimmt, läuft Gefahr, durch Windversatz (Drift) in die Gefahrenzone der Leitungen gedrückt zu werden. Dies erzwingt eine vorausschauende Flugplanung noch vor dem Aufziehen der Kappe. Man startet nicht einfach in den freien Raum, sondern in einen definierten Tunnel aus Sicherheitsabständen.
Der Zugang zum Startplatz erfolgt traditionell zu Fuß – ein „Hike & Fly“ im absoluten Miniformat. Fahrzeuge sind strikt auf befestigte Wege beschränkt. Dies ist ein wesentlicher Aspekt des unausgesprochenen „Sauerland-Siegerland-Knigges“: Die Wiesen sind oft landwirtschaftliche Nutzflächen oder sensible Naturschutzzonen. Das wilde Parken am Wiesenrand, wie es in manchen südeuropäischen Fluggebieten toleriert werden mag, ist hier der schnellste Weg, ein Fluggebiet für immer zu schließen.
Der Wanderparkplatz an der Obernautalsperre dient oft als logistischer Ankerpunkt für die Region. Von hier aus orientieren sich Piloten und Wanderer gleichermaßen. Der direkte Zugang zum Startplatz Netphen erfordert jedoch oft spezifische Ortskenntnisse über Feldwege, die für den öffentlichen Verkehr tabu sind. Dies unterstreicht den Charakter des Geländes als „Local Spot“, bei dem Ortsfremde ohne Führung schnell an logistische Grenzen stoßen.
Die offizielle Startrichtung für Netphen ist Nordwest (NW). Diese Ausrichtung ist im Kontext der deutschen Mittelgebirgsmeteorologie von besonderer Bedeutung. Das Siegerland liegt im Einflussbereich der atlantischen Westwindzone. Reine Westlagen sind häufig, bringen aber oft starke Winde und Niederschläge mit sich. Die Nordwest-Lage hingegen ist oft das klassische „Rückseitenwetter“.
Nach dem Durchzug einer Kaltfront, wenn die Luftmassen labil geschichtet sind und der Wind auf Nordwest dreht, klart der Himmel oft auf. In diesem meteorologischen Fenster bietet Netphen theoretisch die besten Bedingungen. Die Luft ist klar, die Sicht ist gut, und die Labilität könnte theoretisch Thermik begünstigen. Doch der geringe Höhenunterschied stellt hier eine physikalische Hürde dar.
Laminare Strömung vs. Turbulenz
Da der Höhenunterschied gering ist, benötigt der Hang eine absolut saubere Anströmung. Jedes Hindernis im Luv – sei es eine Baumreihe, ein Gebäude oder eine leichte Geländekante – wirft einen Windschatten (Lee), der sich über hunderte Meter erstrecken kann. Bei einem 40-Meter-Hang befindet man sich fast permanent in bodennahen Schichten, wo die Bodenreibung und mechanische Turbulenzen dominieren. Zu viel Wind führt an den umliegenden Baumreihen und Hecken (die, wie wir später sehen werden, für den Vogelschutz relevant sind) zu Lee-Wirbeln (Rotoren), die den Startbereich unruhig machen können. Zu wenig Wind macht den Start zum Sprint.
Das Geschwindigkeits-Fenster
An Hängen dieser Größe ist die Windgeschwindigkeit die kritische Variable:
Unter 10 km/h: Der Startlauf muss aggressiv sein. Der Flug wird ein reiner Abgleiter von wenigen Sekunden Dauer. Das Trainingseffekt beschränkt sich auf den Startlauf.
12-18 km/h: Der Idealbereich. Der Wind trägt den Schirm beim Aufziehen (Reverse Launch wird möglich). Es besteht die Chance, im dynamischen Aufwindband der kleinen Hangkante zu „soaren“ – also Höhe zu halten, indem man im Aufwindbereich vor dem Hang hin und her fliegt.
Über 20-25 km/h: Das Groundhandling am Startplatz wird sportlich bis grenzwertig. Die Gefahr, nach hinten in Hindernisse verblasen zu werden (Blow-Back), steigt exponentiell an. Da keine schützende Bergflanke im Rücken existiert, sondern oft flaches Gelände oder Hindernisse, ist die Toleranz für Starkwind geringer als an großen Bergen.
Die Frage, die sich jeder Pilot stellt: Kann man in Netphen thermisch fliegen? In der Theorie ja, in der Praxis ist es ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten. Thermische Ablösungen (Bärte) entstehen, wenn die Sonne den Boden erwärmt und sich Luftpakete lösen. Damit ein Bart nutzbar ist, muss er sich jedoch erst formieren und organisieren. In 40 Metern Höhe über Grund sind Thermikblasen oft noch eng, zerrissen und schwer zu zentrieren. Man spricht hier von „Abrisskanten-Thermik“ oder „Bodenblasen“.
An Tagen mit hoher Labilität und leichter Sonneneinstrahlung auf den vorgelagerten Flächen kann sich eine solche Blase lösen. Doch der Pilot hat genau einen Versuch. Verpasst er den Einstieg direkt nach dem Start – den sogenannten „Lucky Punch“ – steht er zehn Sekunden später am Landeplatz. Es gibt keine zweite Chance, keine Suche nach dem Bart in einer anderen Talhälfte. Dies macht Netphen zu einem Exerzierplatz für Reaktionsschnelligkeit und Schirmgefühl. Piloten lernen hier, das Feedback des Schirms im Mikrosekundenbereich zu interpretieren: Ein leichtes Heben an der rechten Tragfläche? Sofortiges, aber dosiertes Einkreisen ist gefordert.
In Deutschland ist das Gleitschirmfliegen untrennbar mit dem Naturschutzrecht verbunden. Netphen ist hierfür ein Paradebeispiel. Die Auflagenliste des DHV liest sich nicht wie eine Empfehlung, sondern wie ein juristisches Regelwerk, dessen Missachtung die Existenz des Fluggeländes bedroht.
Eine Besonderheit dieses Geländes ist die explizite Erwähnung einer spezifischen Vogelart in den Auflagen: Der Neuntöter. Dieser Vogel, der zur Familie der Würger gehört, steht unter strengem Schutz. Er brütet bevorzugt in dornigen Heckenstrukturen in halboffenen Landschaften – exakt jene Strukturen, die oft an Wiesenrändern von Fluggeländen zu finden sind. Der Neuntöter ist ein Indikator für intakte Heckenlandschaften. Dass er in Netphen brütet, spricht für die hohe ökologische Qualität der Natur um den Startplatz. Für die Piloten bedeutet dies jedoch, dass sie sich als Gäste im Wohnzimmer einer geschützten Art betrachten müssen.
Die Auflage ist präzise: „Zur in der Nähe befindlichen Hecke am südwestlichen Rand der genutzten Flurstücke (möglicher Neuntöter Brutplatz) ist aus Gründen des vorbeugenden Vogelschutzes ein Abstand von mind. 50 m einzuhalten“. Dies ist kein vager Wunsch der Naturschutzbehörde. 50 Meter sind im Flug eine Distanz, die schwer zu schätzen ist, besonders wenn man sich auf Start oder Landung konzentriert. Noch wichtiger ist die proaktive Komponente der Regel: „Während des Flugbetriebs ist der 50 m Abstand in geeigneter Weise für die Flieger kenntlich zu machen.“ In der Praxis bedeutet dies eine erhebliche logistische Vorarbeit. Bevor der erste Schirm ausgepackt wird, müssen Piloten den Abstand abschreiten und Markierungen setzen – oft in Form von Pylonen, Bändern oder gut sichtbaren Kegeln.
Konsequenz: Ein Pilot, der alleine zum Fliegen kommt, muss erst die Markierungen aufbauen.
Rückbaupflicht: Am Ende des Flugtages müssen alle Markierungen restlos entfernt werden. Nichts darf zurückbleiben, was den Vogel stören oder die Landschaft verschandeln könnte.
Diese Regelung filtert effektiv die Pilotenklientel. Wer nur schnell „konsumieren“ will, wird von diesem Aufwand abgeschreckt. Wer jedoch bereit ist, die Symbiose aus Sport und Naturschutz zu leben, findet hier seinen Platz.
Die Flugbetriebszeiten sind streng an den Sonnenstand gekoppelt: Fliegen ist nur gestattet zwischen 2 Stunden nach Sonnenaufgang bis 1 Stunde vor Sonnenuntergang. Diese Regelung, die in vielen deutschen Fluggebieten Standard ist, dient dem Schutz der dämmerungsaktiven Fauna. Wildtiere (und auch der Neuntöter) nutzen die Dämmerung zur Nahrungsaufnahme. Ein lautlos gleitender Schirm kann von Tieren als Greifvogel interpretiert werden, was Stress auslöst. Für die Flugplanung bedeutet dies:
Winter: Bei einem Sonnenuntergang um 16:30 Uhr endet der Flugbetrieb bereits um 15:30 Uhr. Wer erst um 14:00 Uhr ankommt, hat kaum Zeit.
Sommer: Die langen Tage erlauben entspannte Sessions bis in den Abend, solange die 1-Stunden-Pufferzone respektiert wird.
Das wichtigste vorweg: Netphen ist kein „Open-for-All“ Gelände. Die Nutzung für Gäste ist strikt reglementiert.
Gastflugregelung: Gäste dürfen nur nach Einweisung und in Absprache mit dem Geländehalter (Gundolf Schneider) fliegen. Dies dient nicht der Abschottung, sondern der Sicherstellung, dass alle Piloten die komplexen Auflagen (siehe Kapitel 4) verstanden haben. Ein einziger Pilot, der die Hecken-Regel missachtet, könnte die Schließung des Geländes provozieren.
Lizenz: Mindestens A-Schein (oder eine vergleichbare internationale Lizenz wie IPPI 4/5) ist obligatorisch.
Schulung: Das Gelände ist für Schulung zugelassen (1- und 2-sitzig). Dies bedeutet, dass Flugschulen hier operieren dürfen, sofern die Witterung „sichere Flüge“ garantiert. Oft nutzen lokale Schulen den Hang für die ersten Höhenflüge oder Startübungen.
Aufgrund der geringen Höhe und der oft böigen Windbedingungen im Siegerland ist Netphen der ideale Ort, um den Rückwärtsstart (Reverse Launch) zu perfektionieren.
Aufziehen: Nutzen Sie den Wind. Bei NW-Wind steht man oft gut im laminaren Strom. Der Schirm sollte impulsiv, aber kontrolliert aufgezogen werden.
Kontrollblick: Der Blick geht nicht nur zur Kappe, sondern obligatorisch zur Seite – wo ist die Stromleitung?.
Positionierung: Ein häufiger Fehler ist das passive „Stehenbleiben“ unter der Kappe. In Netphen muss der Pilot aktiv unter den Schirm laufen, um ihn genau im Windfenster zu halten, bevor er sich ausdreht.
Abheben: Kein wildes Springen. Lassen Sie sich vom Schirm tragen. Jeder Meter Höhenverlust durch schlechtes Abheben fehlt später für Manöver oder die Landeeinteilung.
Der Landeplatz liegt auf ca. 320m MSL, also nur knapp 40 Meter unterhalb des Starts. Eine klassische Landevolte nach Lehrbuch (Position, Gegenanflug, Queranflug, Endanflug) ist bei dieser Höhendifferenz oft zeitlich und räumlich gar nicht möglich.
Die Realität: Oft fliegt man direkt nach dem Start in eine Art „verlängerten Endanflug“ oder macht nur einen kurzen Schlenker (Abbauen von Höhe durch S-Kurven oder „Achten“, wenn nötig).
Markierungen: Auch der Landebereich muss bei Bedarf markiert werden, aber „so zurückhaltend als möglich“. Dies bedeutet: Keine riesigen Werbebanner, eher kleine, funktionale Pylonen, die sofort wieder entfernt werden.
Hindernisse: Achten Sie auf Zäune, Weidevieh und natürlich die omnipräsente Stromleitung, falls Sie durch Windversatz abgetrieben wurden.
Netphen existiert nicht im Vakuum. Es ist Teil eines Netzwerks von kleinen, aber feinen Fluggebieten im Siegerland und dem angrenzenden Sauerland/Westerwald. Für einen lohnenden Ausflug kombinieren kluge Piloten Netphen mit den Nachbargeländen, um verschiedene Windrichtungen und Ansprüche abzudecken.
Nur wenige Kilometer südlich von Netphen liegt das Gelände der Drachen- und Gleitschirmfreunde Hellertal e.V. in Herdorf-Sassenroth. Die folgende Tabelle vergleicht die Eckdaten, um die Unterschiede zu verdeutlichen:
Merkmal Netphen (DHV 614) Sassenroth (Herdorf) Höhendifferenz ca. 40 m ca. 155 m Startrichtung NW NW / W Schwierigkeit Übungshang / Einfach Mittel (Anspruchsvoller) Zugang Fußweg (kurz) Fußweg (länger, Waldwege tabu) Besonderheit Hecken-Schutz, Stromleitung Thermik-Potenzial, Waldschneise Verein DFC Siegerland (via Halter) DGF Hellertal e.V. Export to Sheets
Analyse: Sassenroth ist die logische Progression. Wenn Netphen zu klein wird oder die Bedingungen besser sind als erwartet, bietet Sassenroth mit über 150 Metern Höhendifferenz echten Raum für Manöver und Thermiksuche. Auch hier gilt: Einweisung ist obligatorisch!
Ein weiteres wichtiges Gelände in der direkten Nachbarschaft ist Wilden, betreut von den Mittelstreckenfliegern Siegen e.V. unter der Ägide von Claus Vischer.
Profil: Ein klassischer Grundkurshang, besonders geeignet für Nordwind (N) bis Nordost (NO).
Schleppbetrieb: Eine Besonderheit in Wilden ist die Nutzung als Windenschleppgelände. Dies ermöglicht Flüge unabhängig von der Hangneigung und ist oft der Schlüssel zu echter Höhe im Flachland.
Infrastruktur: Der „Flugsportladen Siegen“ ist eng mit diesem Gelände verknüpft und dient als Informationsknotenpunkt.
Für Piloten, die bereit sind, etwas weiter zu fahren (ca. 45-60 min), lockt das Sauerland mit bekannteren Namen wie Elpe, Willingen oder dem Stüppel. Diese Gebiete bieten deutlich mehr Höhe (200-300m Differenz) und eine ausgebaute Infrastruktur (teilweise Liftbetrieb). Netphen fungiert hierbei oft als „After-Work“ Spot für die Locals, während das Sauerland das Ziel für das Wochenende ist.
Da Netphen ein Gelände mit „Invitation-Only“-Charakter für Gäste ist, ist der richtige Kontaktweg entscheidend für einen legalen und stressfreien Flugtag.
Geländehalter: Gundolf Schneider ist die zentrale Figur für dieses Gelände. Kontaktinformationen finden sich in den lokalen Pilotenverzeichnissen oder oft am schwarzen Brett vor Ort.
Der Hub: Der „Flugsportladen Siegen“ von Claus Vischer in Siegen-Eiserfeld ist eine Institution. Claus Vischer ist nicht nur ein Händler, sondern ein Veteran der Szene und Buchautor („Gleitschirmfliegen für Meister“ ). Auch wenn er primär mit Wilnsdorf/Wilden assoziiert wird, laufen bei ihm oft die Fäden der Informationen zusammen. Ein Anruf dort („Geht heute was in Netphen?“) kann oft mehr klären als Stunden der Online-Recherche.
Die DHV-Datenbank warnt unmissverständlich: Kraftfahrzeuge nur auf befestigten Wegen. Navigationsgeräte neigen dazu, den kürzesten Weg zum Startplatz-Pin zu berechnen, was oft über landwirtschaftliche Nutzwege führt. Ignorieren Sie diese Anweisungen! Der Wanderparkplatz Obernautalsperre ist der sicherste und stressfreiste Abstellort.
Adresse: Obernautalsperre, 57250 Netphen.
Vorgehen: Von dort aus ist es ein Fußmarsch (Hike) zum Startplatz. Dies mag für Piloten, die an Shuttle-Busse gewöhnt sind, mühsam erscheinen, ist aber Teil des Deals. Das Parken direkt an der Wiese (sofern nicht explizit vom Halter freigegeben) provoziert Konflikte mit Landwirten und Jägern.
Nach dem Training bietet die Region solide Gastronomie und Freizeitmöglichkeiten.
Obernautalsperre: Ein Spaziergang über die Staumauer ist fast obligatorisch. Die Talsperre ist ein beliebtes Ausflugsziel und bietet landschaftlich reizvolle Ausblicke.
Netphen Zentrum: Die Gastronomie hat sich modernisiert. Restaurants wie „MA'LOA Poké Bowl“ zeigen, dass auch das ländliche Siegerland kulinarisch im 21. Jahrhundert angekommen ist. Wer es traditioneller mag, findet in den Gasthöfen Richtung Brauersdorf klassische westfälische Küche.
Alternativprogramm: Sollte der Wind nicht mitspielen, bietet der Kletterwald Freudenberg oder Paintball Siegen actionreiche Alternativen, um das Adrenalinlevel zu halten.
Gleitschirmfliegen in extrem niedrigen Höhen (Low-Level Flying) birgt paradoxerweise spezifische Risiken, die beim Höhenflug in dieser Form nicht auftreten.
Bei einer Arbeitshöhe von maximal 40 Metern ist der Wurf des Rettungsfallschirms (Retter) in den meisten Fällen wirkungslos. Die Öffnungszeit moderner Retter liegt bei ca. 3-4 Sekunden. In dieser Zeit hat man die 40 Meter im freien Fall bereits durchmessen. Konsequenz: Die aktive Sicherheit (Schirmbeherrschung) ist Ihre einzige Lebensversicherung. Es gibt kein Backup. Ein Klapper muss sofort, instinktiv und ohne Zögern stabilisiert werden.
Piloten versuchen an kleinen Hängen oft krampfhaft, oben zu bleiben („Aushungern“), um das Soaring zu erzwingen oder die Flugzeit um Sekunden zu verlängern. Dies führt dazu, dass der Schirm permanent nahe der Strömungsabrissgrenze (Stall-Point) geflogen wird. In Bodennähe, wo der Windgradient (Windabnahme zum Boden hin) wirkt, ist dies brandgefährlich. Ein einseitiger Strömungsabriss (Spin) in 10 Metern Höhe endet fast immer mit einem harten Aufschlag auf Rücken oder Becken. Goldene Regel: Geschwindigkeit ist Sicherheit. Lieber kontrolliert landen und wieder hochlaufen, als den Schirm in der Luft abzuwürgen.
Die Stromleitung ist das dominante Risiko. Das menschliche Gehirn neigt unter Stress zur „Target Fixation“ – man starrt auf das Hindernis, das man vermeiden will, und steuert unbewusst genau darauf zu. Strategie: Trainieren Sie den Blick in den freien Raum („Look where you want to go“). Identifizieren Sie die Leitung vor dem Start, und blenden Sie sie dann aus, indem Sie sich auf den sicheren Korridor fokussieren.
Die Auflage „Lärm ist zu vermeiden“ bezieht sich auf Pilotenjubel, laute Kommunikation und Funkverkehr. In einem Gebiet mit sensibler Fauna (Neuntöter) und nahen Wohngebieten ist „Stealth-Modus“ angesagt. Lärm führt zu Beschwerden, Beschwerden führen zu Auflagen, Auflagen führen zu Schließungen. Nutzen Sie Funkgeräte mit Headsets statt über die Wiese zu schreien.
Netphen ist kein Ort für Heldenepen. Niemand wird hier ein 200-km-FAI-Dreieck fliegen und in den Online-Contest (DHV-XC) hochladen. Es ist ein Ort der Demut und der Basisarbeit.
Wer Netphen meistert – wer hier bei 15 km/h Wind sauber rückwärts aufzieht, die Vogelschutzzone respektiert, präzise neben dem Pylon landet und dabei noch freundlich zum Bauern grüßt – der hat mehr vom „Spirit of Aviation“ verstanden als mancher Pilot, der sich in den Alpen nur am Lift bedienen lässt. Es ist ein Juwel für die lokalen Piloten des DFC Siegerland und ihrer Gäste. Ein technisches Trainingsgelände, das Präzision belohnt und Nachlässigkeit bestraft. Behandeln Sie es mit Respekt, halten Sie Abstand zur Hecke, und Netphen wird Ihnen die Feinmotorik schenken, die Sie später in den großen Bergen brauchen werden, um sicher und souverän zu fliegen.
Wichtige Kontakte & Ressourcen Institution Kontakt / Info Funktion Geländehalter Gundolf Schneider Einweisung, Erlaubnis Verein DFC Siegerland / DGF Hellertal e.V. Lokale Community, Alternativgelände Shop/Schule Flugsport Siegen (Claus Vischer) Info-Hub, Ausrüstung, Kurse Wetter Windfinder „Netphen“ / Holfuy Stationen Flugwetterprognose (Interpolation nötig!) DHV Geländedatenbank Nr. 614 Offizielle Auflagen & Status Export to Sheets
(Hinweis: Alle Angaben zu Auflagen und Kontakten basieren auf dem Recherchestand Februar 2026. Bitte vor jedem Flug die aktuelle Infotafel vor Ort prüfen!)