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Fluggebietsanalyse Kasendorf und Görauer Anger: Ein umfassender Leitfaden für den Luftsport an der Fränkischen Linie
Dieses Dokument stellt eine detaillierte Untersuchung der Flugbedingungen, der Infrastruktur und der fliegerischen Besonderheiten der Region Kasendorf in Oberfranken dar. Es richtet sich an Piloten des Gleitschirm- und Drachensports, die eine über die Standard-Datenbanken hinausgehende Expertise für die Planung ihrer Flugtage benötigen.
Executive Summary
Die Flugregion Kasendorf, bestehend aus dem traditionsreichen Hangfluggelände Görauer Anger und dem ergänzenden Schleppgelände am Magnusturm, repräsentiert eines der meteorologisch interessantesten Areale am Rande der Fränkischen Schweiz. Der Görauer Anger ist primär als anspruchsvolles Nordost-Gelände bekannt, das durch eine markante Hangkante und eine vorgelagerte Waldschneise geprägt ist, die bei thermischen Bedingungen hohe Anforderungen an die Starttechnik stellt. Das Schleppgelände hingegen bietet eine kontrollierte Umgebung für die Schulung und den entspannten Einstieg in die Thermik bei unterschiedlichen Windrichtungen. Ein besonderes Merkmal der Region ist die Lage an der geologischen Bruchzone der Fränkischen Linie, welche als thermischer Motor für Streckenflüge in Richtung Frankenwald und Thüringen fungiert. Piloten müssen jedoch die strikten Gastflugregelungen des Drachenfliegerclubs Görauer Anger e.V. (DGA) und des 1. Bamberger Gleitschirmclubs (BGSC) sowie die spezifischen Gebührenordnungen für Außenlandungen beachten.
Das Marktgebiet von Kasendorf liegt im Landkreis Kulmbach, eingebettet in eine Landschaft, die den Übergang vom Jura-Plateau zum Maintal markiert. Die fliegerische Relevanz ergibt sich aus der exponierten Lage an der sogenannten Fränkischen Linie. Diese geologische Störungslinie trennt das paläozoische Grundgebirge des Frankenwaldes vom mesozoischen Deckgebirge des Süddeutschen Schichtstufenlandes. Für den Luftsport bedeutet dies eine Höhendifferenz, die mechanische Aufwinde und thermische Ablösungen begünstigt.
Der Flugbetrieb stützt sich auf zwei unterschiedliche Geländearten, die jeweils spezifische meteorologische Fenster abdecken. Während der Görauer Anger als klassisches Hanggelände fungiert, dient das Areal um den Magnusturm als primärer Ort für den Windenschlepp.
Parameter Görauer Anger (Hang) Kasendorf Magnusturm (Schlepp) Geländetyp
Hang / Rampe
Schleppgelände
Höhenlage Start
538 m NN
ca. 498 m NN
Höhenlage Landung
390 m NN
Geländeniveau (Schlepp) Startrichtung
NO
W, NW-N, S-SW
Schwierigkeit
Schwer / Anspruchsvoll
Einfach / Schulungstauglich
Die exakten Koordinaten sind für die Navigation und die Einhaltung von Luftraumgrenzen unerlässlich.
Startplatz Görauer Anger: N 50°03'13.45" E 11°19'01.09"
Landeplatz Görauer Anger: N 50°03'35.82" E 11°19'19.32"
Schleppgelände Kasendorf: N 50°03'50.97" E 11°20'51.46"
Die Erreichbarkeit der Startplätze ist in Kasendorf durch eine Mischung aus fahrzeuggebundenem Zugang und Wanderwegen geprägt. Es existiert keine Bergbahn, was den Charakter eines Naturfluggebietes unterstreicht.
Piloten, die aus Richtung Kulmbach anreisen, nutzen den zentralen Wanderparkplatz am Ortseingang von Kasendorf. Dieser Parkplatz dient als Ausgangspunkt für den Aufstieg zum Magnusturm. Der Weg führt durch den Pfarrwald und über den "Dr.-Fritz-Hornschuch-Naturpfad". Die Gehzeit zum Plateau des Magnusturms beträgt etwa 20 bis 30 Minuten, wobei circa 100 Höhenmeter überwunden werden.
Für den Görauer Anger ist die Anreise über die Ortschaften Zultenberg oder Görau üblich. Ein wichtiger infrastruktureller Knotenpunkt ist das Gasthaus "Bärenstübla" (ehemals Arthur Berg) in Zultenberg, in dem sich das offizielle Startbuch befindet. Die Eintragung ist für alle Piloten verpflichtend.
Ein organisierter Shuttle-Betrieb findet in der Regel nicht statt. Piloten am Görauer Anger organisieren sich oft in privaten Fahrgemeinschaften zwischen Landeplatz und Startplatz. Da Toplandungen am Anger strikt verboten sind, ist die Logistik der Rückreise zum Startplatz ein wesentlicher Bestandteil der Flugplanung.
Die Flugbedingungen in Kasendorf werden maßgeblich durch die Exposition der Hangkante und die großräumige Luftmassenbewegung beeinflusst.
Ein lokalspezifisches Wetterphänomen ist der sogenannte Bayerische Wind. Bei stabilen Hochdruckwetterlagen im Sommer entsteht oft am Nachmittag ein regionaler Windstrom aus Nordost, der die Voralpen überspült und im Bereich der Fränkischen Alb zu exzellenten Soaring-Bedingungen am Görauer Anger führt. Dieser Wind ist meist laminar und ermöglicht stundenlanges Fliegen an der Kante, kann jedoch bei Zunahme der Windstärke im Talwindsystem zu turbulenten Ablösungen führen.
Die Thermikentwicklung am Görauer Anger beginnt aufgrund der Nordost-Ausrichtung bereits am Vormittag. Die felsigen Abschnitte und die vorgelagerten Felder im Tal heizen sich schnell auf, was zu frühen Ablösungen führt.
Jahreszeit Charakteristik Empfehlung Frühjahr
Starke, teils ruppige Thermik durch hohen Temperaturgradienten.
Ideal für erfahrene XC-Piloten; Basishöhen bis 2.500 m möglich.
Sommer
Beständige Thermik, am Nachmittag oft Soaring im Bayerischen Wind.
Thermiksuche an Waldkanten und Abrissstellen.
Herbst Ruhigere, schwächere Thermik; oft Inversionslagen. Gut geeignet für Genussflieger und Soaring-Einsteiger. Winter
Seltene Flugtage, aber bei klaren Tagen Thermik bis 1.800 m möglich.
Kaltluft-Thermik erfordert präzises Zentrieren.
Der Start am Görauer Anger erfolgt aus einer Waldschneise heraus. Dies birgt bei Seitenwind erhebliche Gefahren. Der Windsack am Startplatz kann durch die Abschirmung der Bäume einen laminaren Wind vortäuschen, während nur wenige Meter über Grund starke Rotoren wirken.
Lee-Effekte: Bei Windrichtungen aus Süd bis West liegt der Görauer Anger im Lee. Ein Start ist unter diesen Bedingungen lebensgefährlich.
Waldkante: Die Bäume vor dem Startplatz am Anger sind für moderne Hängegleiter teilweise bereits zu hoch, was den Abflugwinkel kritisch macht. Gleitschirmpiloten müssen den Schirm sauber stabilisieren, bevor sie in die aktive Luftmasse vor der Schneise eintreten.
Kasendorf gilt als exzellentes Sprungbrett für Streckenflüge. Die strategische Lage erlaubt Flüge in verschiedene Sektoren, wobei die Einhaltung der Luftraumstruktur oberste Priorität hat.
Die bevorzugte XC-Route führt entlang der Fränkischen Linie nach Nordwesten. Piloten nutzen die thermischen Abrisskanten der Waldgrenzen, um Höhe zu gewinnen und dann den Sprung über das Maintal in Richtung Frankenwald zu wagen.
Route Nordwest: Ziel Thüringer Wald. Diese Route erfordert eine gute Einschätzung der Talwindsysteme im Maintal.
Route Südwest: In Richtung Fränkische Schweiz. Hier bieten sich Anschlussmöglichkeiten an andere bekannte Fluggebiete.
Distanzleistungen: Bei guter Basis sind Flüge über 40 bis 100 km keine Seltenheit, sofern die Thermikanschlüsse an den Waldkanten präzise getroffen werden.
In der Region Kasendorf operieren viele Sportflugzeuge vom Verkehrslandeplatz Kulmbach (EDQK). Begegnungen in der Luft sind häufig, wobei Gleitschirme aufgrund ihrer geringen Geschwindigkeit oft schwer ausweichen können.
Luftraum-Element Relevanz Anforderung Luftraum E
Standardraum für Gleitschirme bis FL 100.
Sichtflugregeln (VFR) beachten. Luftraum C/D Kontrollzonen um Nürnberg und Bamberg.
Einflug verboten ohne Funk und Transponder.
Kollisionswarner
Dringend empfohlen (FLARM / ADS-B).
Erhöht die Sichtbarkeit für den Motorflugverkehr. Flugfunk Optional, aber für XC-Planung sinnvoll.
Erreichbarkeit via Flugfunk an Plätzen wie der Friesener Warte Pflicht.
Der wahre Wert eines Fluggebiet-Guides erschließt sich durch das Wissen lokaler Piloten, das oft nicht in offiziellen Dokumenten festgehalten ist.
Erfahrene Piloten am Görauer Anger wissen, dass die Thermik nicht willkürlich aufsteigt. Die Waldkante fungiert als mechanischer Trigger. Besonders dort, wo das Gelände von steilen Waldflanken in flachere Wiesenabschnitte übergeht, lösen die "Bärte" bevorzugt ab. Ein Geheimtipp ist die Beobachtung der Greifvögel, die oft an den exponierten Felsnasen westlich des Hauptstartplatzes die erste Thermik des Tages markieren.
Beim Schleppgelände Kasendorf am Magnusturm ist das Timing beim Ausklinken entscheidend. Lokale Piloten empfehlen, nicht zwingend bis zur maximalen Schlepphöhe zu warten, wenn bereits während des Schlepps eine deutliche Ablösung gespürt wird. Ein sofortiges Eindrehen nach dem Klinken im Bereich der Waldkanten des Turmbergs verspricht oft den besten Anschluss.
Um die Bedingungen vor Ort einzuschätzen, nutzen Einheimische eine Kombination aus verschiedenen Webcams und Wetterstationen.
Webcam Flugplatz Kulmbach (EDQK): Bietet einen Live-Blick in das Tal und zeigt die aktuelle Windsituation am Boden.
Webcam Plassenburg: Ideal, um die Sichtweiten und die Wolkenbildung über dem Maintal zu beurteilen.
Windfinder Görauer Anger: Bietet spezifische Vorhersagen basierend auf dem GFS-Modell, die oft präziser sind als allgemeine Wetterberichte.
Lokaler Edelstahlkasten: Am Dorfplatz in Zultenberg befinden sich oft aktuelle Aushänge zu temporären Einschränkungen oder Vereinsereignissen.
Das Fluggebiet wird mit großem Engagement vom Drachenfliegerclub Görauer Anger e.V. (DGA) instand gehalten. Die Einhaltung der Regeln ist für den Erhalt der Flugerlaubnis kritisch.
Piloten, die nicht Mitglied im DGA, NBDF oder BGSC sind, gelten als Gäste und benötigen zwingend eine Einweisung durch ein Vereinsmitglied oder eine beauftragte Person.
Startbuch: Die Eintragung im Bärenstübla ist obligatorisch.
Außenlandegebühr: Jede Außenlandung kostet standardmäßig 3 €. Es gibt jedoch "teure" Flächen, auf denen aufgrund von Pächtervereinbarungen 15 € fällig werden. Diese Gebühren sollten unmittelbar beglichen werden, um das gute Verhältnis zu den Landwirten nicht zu gefährden.
Toplandeverbot: Am Görauer Anger herrscht ein striktes Verbot von Toplandungen.
Im Falle eines Baumlandungs-Unfalls oder einer Verletzung ist die Rettungskette über die Nummer 112 zu aktivieren. Da das Gelände am Anger steil und bewaldet ist, kann eine Bergung zeitaufwendig sein. Es wird empfohlen, ein Erste-Hilfe-Set und eine Rettungsschnur für Baumlandungen mitzuführen.
Ein Flugtag in Kasendorf lässt sich hervorragend mit den kulinarischen und kulturellen Highlights der Region verbinden.
Die fränkische Braukultur ist in der Region allgegenwärtig.
Bärenstübla (Zultenberg): Der Treffpunkt für Piloten nach dem Flug. Hier werden Flugerlebnisse geteilt und die Startliste geführt.
Gasthof Friedrich (Kasendorf): Bekannt für seine eigene Metzgerei und traditionelle Gerichte.
Tanzlinde Peesten: Ein weltweit einzigartiges Naturdenkmal in einem Ortsteil von Kasendorf, das einen Besuch wert ist.
Für mehrtägige Aufenthalte bietet Kasendorf verschiedene Optionen, von funktionalen Gästezimmern bis hin zu komfortablen Ferienwohnungen.
Unterkunft Ort Besonderheit Gasthof Friedrich Kasendorf
Zentrale Lage, funktionale Zimmer.
Ferienwohnung Annette Heubsch
Ruhige Lage am Friesenbach, ideal für Wanderer.
Schloss Thurnau Thurnau
Gehobenes Ambiente in historischer Kulisse.
Grüner Baum Kasendorf
Ferienwohnungen mit E-Bike-Verleih.
Sollte der Wind am Görauer Anger zu stark von Westen kommen, bieten sich Ausweichziele an.
Friesener Warte: Ein exzellentes Westgelände bei Hirschaid. Achtung: Hier gelten strenge Regeln bezüglich Funk und FLARM.
Veitsberg: Ein weiteres Gelände in der Nähe von Ebensfeld, das bei westlichen Richtungen funktioniert.
Die Region Kasendorf repräsentiert die Quintessenz des Fliegens im Mittelgebirge. Sie bietet einerseits die Gemütlichkeit des Windenschlepps am Magnusturm, der ideal für Piloten ist, die Sicherheit und eine soziale Atmosphäre suchen. Andererseits stellt der Görauer Anger eine sportliche Herausforderung dar, die Konzentration, technische Präzision und ein tiefes Verständnis für aerodynamische Effekte an Waldkanten erfordert.
Für einen erfolgreichen Besuch sollten Piloten die folgenden strategischen Schritte beachten:
Wetter-Check: Frühzeitig die Prognosen für den "Bayerischen Wind" prüfen, um die besten Soaring-Stunden am Nachmittag nicht zu verpassen.
Einweisung: Kontakt zum DGA oder BGSC suchen, um die aktuellen Pachtverhältnisse und "teuren" Landeflächen zu kennen.
Technik: Sicherstellen, dass die Starttechnik in Schneisen beherrscht wird, oder alternativ das Schleppgelände am Magnusturm nutzen.
Soziales: Den Tag im Bärenstübla ausklingen lassen, um wertvolle Informationen über thermische Ablösepunkte von den "Locals" zu erhalten.
Kasendorf ist somit ein Fluggebiet, das Respekt verlangt, aber bei richtiger Herangehensweise mit spektakulären Ausblicken über das Maintal und exzellenten XC-Möglichkeiten belohnt. Die Kombination aus historischer Kulisse am Magnusturm und der wilden Schönheit des Görauer Angers macht diesen Standort zu einem Juwel im Herzen Oberfrankens.