
1 Startplatz, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Der Wächter der Bergstraße: Eine tiefenanalytische Monographie des Fluggebiets Schriesheim / Ölberg Einleitung: Die Ambivalenz des Odenwald-Klassikers
An der geologischen Bruchlinie, wo der kristalline Odenwald abrupt in die sedimentären Weiten der Oberrheinebene abfällt, erhebt sich eine Bastion des Luftsports, die in der deutschen Fliegerszene einen Ruf von fast mythischer Ambivalenz genießt: der Ölberg bei Schriesheim. Für den unbedarften Wanderer, der die Ruine der Strahlenburg erkundet, mag der bewaldete Hügel lediglich ein weiterer grüner Punkt auf der Wanderkarte sein. Doch für die Gemeinschaft der Gleitschirm- und Drachenflieger repräsentiert dieser Ort eine komplexe Matrix aus aerodynamischen Chancen und mikroklimatischen Risiken, ein Gelände, das technische Meisterschaft belohnt und Nachlässigkeit mit unbarmherziger Strenge sanktioniert.
Dieser Bericht, verfasst aus der Perspektive eines erfahrenen Piloten und Analysten alpin-urbaner Fluggelände, zielt darauf ab, das statische Datenkorsett des offiziellen DHV-Eintrags zu sprengen. Wir begnügen uns nicht mit Koordinaten und Höhenangaben. Stattdessen werden wir die Seele dieses Fluggebiets sezieren, die unsichtbaren Strömungsmuster visualisieren, die in der engen Waldschneise herrschen, und die psychologischen Anforderungen beleuchten, die der berüchtigte "15-Meter-Start" an das Nervenkostüm eines Piloten stellt. Der Ölberg ist kein Gelände für den schnellen Konsum; er ist ein exklusiver Club der Kompetenz, bewacht durch strenge behördliche Auflagen, eine anspruchsvolle Topographie und die omnipräsente Nähe zum kontrollierten Luftraum des City-Airport Mannheim.
In den folgenden Kapiteln werden wir eine umfassende Exegese dieses Geländes vornehmen. Wir werden untersuchen, warum die lokale Thermik oft besser ist als die Prognose, warum der scheinbar harmlose Südwind zur Falle werden kann und warum die Landung auf der unsichtbaren Wiese zwischen Hochspannungsleitungen und Rebstöcken eine Präzision erfordert, die im Flachland selten trainiert wird. Dies ist kein Reiseführer; es ist ein operatives Handbuch für den aufgeklärten Aviator.
Um die fliegerische DNA des Ölbergs zu entschlüsseln, ist ein fundiertes Verständnis seiner geographischen Lage und der daraus resultierenden meteorologischen Wechselwirkungen unerlässlich. Der Ölberg ist nicht einfach nur ein Berg; er ist ein exponiertes Prallblech im System der Rheinebene.
Der Startplatz befindet sich auf einer Höhe von ca. 380 bis 390 Metern über dem Meeresspiegel (MSL). Der Landeplatz liegt signifikant tiefer, auf etwa 110 Metern MSL. Diese Höhendifferenz von rund 270 bis 280 Metern mag im Vergleich zu alpinen Destinationen wie den Dolomiten oder den Schweizer Alpen bescheiden wirken. Doch im Kontext des Mittelgebirgsfliegens ist diese "Kante" von entscheidender Bedeutung. Der Ölberg markiert den dramatischen Übergang vom Odenwald zur Tiefebene.
Diese topographische Stufe wirkt wie eine gigantische Rampe für westliche Luftmassen. Wenn der Wind, wie in Mitteleuropa vorherrschend, aus westlichen Richtungen (W bis SW) weht, trifft er ungehindert auf diese Barriere. Die Luftmassen werden zum Aufsteigen gezwungen, was ein zuverlässiges dynamisches Aufwindband (Soaring) erzeugt. Im Gegensatz zu innermontanen Tälern, wo Talwinde und komplexe Riegelsysteme die Strömung verfälschen, ist die Anströmung an der Bergstraße oft erstaunlich laminar – vorausgesetzt, der Windvektor steht senkrecht zum Hang.
Ein wesentlicher Faktor für die Beliebtheit des Ölbergs ist seine thermische Leistungsfähigkeit. Die Rheinebene vor dem Ölberg fungiert als eine riesige thermische Heizplatte. Die dunklen Böden der landwirtschaftlichen Flächen, die urbane Struktur der Gemeinden Schriesheim und Dossenheim sowie insbesondere die ausgedehnten Weinberge, die sich an den Fuß des Berges schmiegen, speichern die Sonnenenergie effizient.
Wenn die Sonne am Nachmittag in den Westen wandert, strahlt sie direkt auf die Westflanken des Ölbergs und die darunterliegenden Rebhänge. Die gespeicherte Wärme löst sich als Thermikblasen ab. Da die Hangkante des Ölbergs oft die erste signifikante Erhebung ist, auf die diese Warmluftpakete treffen, entsteht hier oft eine Konvergenzlinie. Die kühle Waldluft des Odenwaldes trifft auf die aufsteigende Warmluft der Ebene. Dies führt dazu, dass der Ölberg thermisch oft "erstaunlich gut" geht, wie selbst offizielle Quellen vermerken. Piloten berichten von Situationen, in denen sie weit über die Hangkante hinaussteigen können, getragen von einem Mix aus dynamischem Hangwind und thermischer Ablösung.
So ideal der Westwind ist, so tückisch wird das Gelände, sobald der Wind eine südliche Komponente (S bis SW) annimmt. Südlich des Startplatzes ragen weitere Ausläufer des Odenwaldes hervor, die bei Südwind als Hindernisse wirken. Ein reiner Südwind muss diese orografischen Barrieren umströmen und kommt am Startplatz oft als turbulente, zerrissene Strömung an.
Die spezifische Topographie des Startplatzes – eine Waldschneise – verstärkt diesen Effekt. Kommt der Wind sauber von vorn (West), wird er in der Schneise kanalisiert und beschleunigt (ein lokaler Venturi-Effekt), was den Start unterstützt. Kommt er jedoch schräg oder böig von der Seite, verwandelt sich die Schneise in eine Falle aus Rotoren und Leewalzen, die von den umliegenden Baumreihen induziert werden. Die Baumwipfel wirken wie Abrisskanten, hinter denen sich turbulente Wirbel bilden. Ein Start in solch einer "Waschmaschine" ist unkalkulierbar und birgt das Risiko von Klappern in Bodennähe.
Der Startplatz am Ölberg ist das absolute Nadelöhr dieses Fluggebiets. Er fungiert als natürlicher Filter, der rigoros entscheidet, wer fliegen darf und wer besser am Boden bleibt. Es ist kein Ort für Experimente oder unsichere Handhabung des Fluggeräts.
Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Tunnel ohne Dach, dessen Wände aus hohen, dichten Bäumen bestehen. Das ist das visuelle und aerodynamische Umfeld des Startplatzes. Es handelt sich nicht um eine offene Almwiese, auf der man Startfehler durch seitliches Ausweichen korrigieren kann. Es ist eine scharf definierte Schneise.
Der Boden des Startbereichs ist zunächst flach, fast eben. Was zunächst komfortabel klingt, entpuppt sich als technische Tücke. "Eben" bedeutet, dass der Gleitschirm beim Aufziehen keine Unterstützung durch die Hangneigung erfährt. Der Pilot muss die kinetische Energie für das Füllen der Kappe rein durch seine eigene Laufbewegung oder den anstehenden Wind generieren. Da man tief in der Schneise steht, kann man sich zudem im Windschatten der Bäume befinden, was das Aufziehen bei schwachem Wind zusätzlich erschwert.
Für Gleitschirmflieger stehen effektiv nur etwa 15 Meter Anlaufstrecke zur Verfügung, bevor das Gelände steil und unwegsam abfällt. Diese Distanz ist extrem kurz und verlangt einen perfekt getimten Ablauf. Das Start-Szenario lässt sich in drei kritische Phasen unterteilen:
Phase 1 (Die Ebene): Der Pilot zieht den Schirm auf. Da der Wind durch die Bäume abgeschirmt sein kann, steigt der Schirm oft träge oder neigt zum Hängenbleiben. Hier ist explosive Beinarbeit gefragt.
Phase 2 (Die Kante): Nach wenigen Schritten erreicht der Pilot die Hangkante. Hier greift der Wind oft schlagartig und stärker, da er ungestört die Flanke hochströmt. Der Pilot muss sofort vom kraftvollen Aufziehen in das gefühlvolle Führen übergehen, um ein Überschießen ("Aushebeln") zu verhindern.
Phase 3 (Der Point of No Return): Wenn der Schirm an der Kante nicht sauber über dem Piloten steht, besteht ein akutes Problem. Ein Startabbruch muss zwingend vor der Kante erfolgen. Wer mit einem schlecht gefüllten, asymmetrischen oder knotigen Schirm über die Kante stolpert, fällt unweigerlich in die steile, bewaldete Schneise darunter.
Eine Baumlandung direkt unterhalb des Starts ist hier das "Best Case Scenario" eines missglückten Starts; Abstürze mit hoher Verletzungsgefahr sind die ernstere Konsequenz. Daraus resultiert die eiserne Regel des Vereins: Der Startabbruch muss reflexartig beherrscht werden. Die Entscheidung, den Start abzubrechen, muss im Bruchteil einer Sekunde fallen, noch auf dem flachen Plateau. Zögern wird hier nicht toleriert.
Hängegleiter (Drachen) befinden sich in einer paradoxerweise etwas vorteilhafteren Position, da ihnen eine dedizierte, etwa 7 Meter lange Gitterrampe zur Verfügung steht. Diese Rampe führt direkt über die Kante hinaus in die freie Anströmung, was den Übergang in den Flugzustand "sauberer" macht. Dennoch erfordert auch dies höchste Präzision, besonders bei Seitenwindkomponenten, da die Schneise wenig Toleranz für ein schiefes Ausrichten der Flächen bietet. Eine Korrektur auf der Rampe ist kaum möglich.
Der Startplatz bietet extrem begrenzten Raum. Das klassische "Parawaiting" mit ausgebreitetem Schirm, wie man es von großen Wiesen kennt, ist hier unmöglich und asozial, da es den gesamten Betrieb blockiert. Die lokale Etikette und die Platzregeln verlangen einen militärisch präzisen Ablauf :
Vorbereitungszone: Die Vorbereitung (Gurtzeug anlegen, Leinen sortieren, Funkcheck) findet am Rand in den oft blau markierten Bereichen statt.
Startzone: Erst wenn der Pilot vollständig "ready to fly" ist, begibt er sich auf die Bambusmatten (Startpunkt).
Action: Einhängen, kurzer Check, Starten oder sofortiges Räumen bei Problemen.
Piloten sollten zudem beachten, dass der Boden im Wald oft feucht sein kann, besonders in den Morgenstunden oder nach Regenfällen. Da der Startlauf auf Naturboden erfolgt, ist griffiges Schuhwerk mit aggressiver Profilsohle absolute Pflicht, um auf den wenigen Metern Anlauf den nötigen Schub zu generieren und nicht wegzurutschen.
Der Ölberg ist kein "Open-Source" Fluggebiet für jedermann. Er ist hochgradig reguliert. Diese Reglementierung ist keine Willkür des Vereins, sondern eine notwendige Überlebensstrategie in einem der am dichtesten besiedelten Räume Deutschlands, flankiert von komplexen Luftraumstrukturen und strengen Naturschutzauflagen.
Die Anforderungen an Piloten sind explizit, streng und nicht verhandelbar :
A-Schein Plus: Der Besitz einer gültigen Fluglizenz (A-Schein) ist die Basis, aber nicht genug. Piloten müssen den A-Schein seit mindestens einem Jahr besitzen. Diese Regelung filtert blutige Anfänger aus, deren Reaktionen und Automatismen noch nicht gefestigt genug für die Startplatzbedingungen sind.
Erfahrungsnachweis: Mindestens 50 Höhenflüge müssen nach Erhalt des A-Scheins im Flugbuch dokumentiert sein. Der Verein verlangt den Nachweis aktiver Flugpraxis. Karteileichen oder Piloten, die nach langer Pause wieder einsteigen ("Wiedereinsteiger"), werden kritisch gesehen und oft auf Übungshänge verwiesen.
Die Einweisung (Das Briefing): Niemand – absolut niemand, egal wie erfahren – startet hier ohne vorherige Einweisung durch den Verein.
Gleitschirme: Die Einweisung ist oft mehr als nur ein Gespräch. Der Gleitschirmreferent verlangt häufig eine Demonstration der Starttechniken (Vorwärts und Rückwärts) auf der Wiese. Wer seinen Schirm am Boden nicht beherrscht, kommt nicht in die Luft.
Prozedere: Die Einweisung beinhaltet auch eine Begehung des Landeplatzes (wegen der dortigen Gefahren) und eine gemeinsame Fahrt zum Startplatz.
Zeitaufwand: Planen Sie 2 bis 3 Stunden für diesen Prozess ein.
Gäste sind willkommen, fliegen aber an der kurzen Leine :
Patenpflicht: Ein Start ist nur möglich, wenn ein Vereinsmitglied physisch anwesend ist. Der Pate bürgt gewissermaßen für die Einhaltung der Regeln durch den Gast.
Tagesmitgliedschaft: Eine Gebühr von 5 Euro (Stand der Recherche) ist zu entrichten.
Bürokratie: Die Eintragung ins Flugbuch vor jedem Flug ist obligatorisch. Dies dient der lückenlosen Dokumentation im Falle von Luftraumverletzungen oder Unfällen.
Dies ist der kritischste Punkt für Streckenjäger und Höhenflieger. Der Ölberg liegt in unmittelbarer Nähe und teilweise unter dem An- und Abflugsektor des Verkehrslandeplatzes Mannheim City (Coleman).
IFR-Verfahren: Mannheim hat Instrumentenflugverkehr. Das bedeutet, Flugzeuge kommen auch bei schlechter Sicht durch die Wolkendecke.
Sicherheitszone: Es wurde eine spezifische Sicherheitszone über dem Ölberg eingerichtet. Das Einfliegen in den Anflugsektor ist strengstens verboten und wird radikal geahndet.
Luftraum E: Über dem Startplatz beginnt ab einer gewissen Höhe der Luftraum E. Hier gelten strikte Wolkenabstände (1000 Fuß vertikal, 1,5 km horizontal). Da der Ölberg thermisch gut geht, ist die Versuchung groß, an der Basis zu kratzen ("Cloudsurfen"). Doch genau dort können IFR-Maschinen operieren.
Technologie-Pflicht: Ein GPS mit Höhenaufzeichnung (Tracklog) ist faktisch Pflicht, um im Zweifelsfall nachweisen zu können, dass man den Luftraum nicht verletzt hat.
Neben den motorisierten Flugzeugen gibt es noch andere Herrscher der Lüfte, deren Rechte Vorrang haben. Der "Schriesheimer Steinbruch" ist ein bekanntes Brutgebiet für Wanderfalken (Falco peregrinus).
Die Regel: Es gilt ein strikter Mindestabstand von 100 Metern horizontal und vertikal zum Steinbruch.
Die Versuchung: Der Steinbruch ist optisch und physikalisch der perfekte Thermik-Trigger (nackter Fels, Süd-Exposition, Hitzespeicher). Doch er ist absolut tabu. Piloten müssen der Versuchung widerstehen, direkt in den Kessel des Steinbruchs zu fliegen, um Thermik zu suchen.
Die Konsequenz: Verstöße führen nicht nur zu individuellem Flugverbot, sondern gefährden die naturschutzrechtliche Zulassung des gesamten Geländes. Die Vogelwelt wird hier (zurecht) priorisiert.
Um Piloten die komplexe Prüfung der Voraussetzungen zu erleichtern, dient die folgende Entscheidungshilfe. Sie soll verhindern, dass Piloten den weiten Weg umsonst antreten.
Der Ölberg ist kein "Drive-in" Flugberg. Die Anreise erfordert logistische Planung und körperlichen Einsatz.
Der zentrale Treffpunkt für alle Aktivitäten ist grundsätzlich am Landeplatz oder einem nahegelegenen, öffentlichen Parkplatz in Schriesheim (z.B. Festplatz).
Warnung: Fahren Sie niemals mit dem privaten PKW zum Startplatz hoch! Die Zufahrtswege sind gesperrte Forstwege. Illegales Hochfahren provoziert massive Konflikte mit Förstern und Jagdpächtern und fällt negativ auf den Verein zurück.
Der Shuttle "Eule": Der Verein betreibt einen eigenen Bus, liebevoll "Eule" genannt. Dieser fährt an Flugtagen (meist Wochenenden bei fliegbarem Wetter) im Pendelverkehr.
Zeiten: Üblicherweise fährt der Shuttle zur vollen Stunde (z.B. ab 12:00, 13:00 Uhr). Es lohnt sich, vorher Kontakt aufzunehmen oder die Kommunikationskanäle des Vereins (Website, WhatsApp-Gruppen) zu prüfen, ob Betrieb herrscht.
Wer den Shuttle verpasst oder sportlich ambitioniert ist, wählt den Aufstieg zu Fuß.
Wegführung: Es ist essentiell, ausschließlich die offiziellen Wanderwege zu nutzen.
No-Go: Abkürzungen durch die Weinberge oder private Grundstücke sind tabu. Besonders sensibel sind die Bereiche um das "Kelterhaus" und Abkürzungen von der "Industriestraße" zum "Dossenheimer Weg". Nutzen Sie den Weg über den Landeplatz.
Charakteristik: Der Aufstieg ist steil und schweißtreibend (ca. 270 Höhenmeter), bietet aber ein hervorragendes Warm-up und mentale Vorbereitungszeit auf den anspruchsvollen Start.
Endlich in der Luft. Der Boden fällt weg, die Rheinebene öffnet sich. Doch was nun?
Bei reinem Westwind kann man am Ölberg stundenlang "im Hangwind stehen". Der Hang trägt aufgrund seiner Exposition und Steilheit sehr zuverlässig, aber das nutzbare Aufwindband ist nicht unendlich breit.
Verkehrsregeln: An guten Tagen kann der Luftraum vor dem Hang "voll" werden. Die klassischen Hangflugregeln (Hang rechts vorweichpflichtig, Überholen rechts etc.) müssen intuitiv und defensiv angewendet werden.
Positionierung: Fliegen Sie nicht zu weit nach hinten (Lee-Gefahr hinter der Hangkante!) und nicht zu weit nach vorne in die Ebene (Verlust des Aufwindbandes).
Die Thermik löst sich oft nicht direkt in der Schneise, sondern an den seitlichen Flanken oder über den Weinbergen unterhalb.
Der "Hausbart": Oft findet man den Einstieg etwas vor dem Hang, wo die Warmluft der Weinberge aufsteigt und auf den Hangwind trifft.
Driften: Die Thermik versetzt mit dem Westwind nach hinten über den Startplatz. Hier ist extreme Vorsicht geboten: Lassen Sie sich nicht zu weit nach hinten driften, sonst geraten Sie schnell in den Luftraum E oder in die Lee-Seite des Berges. Der Grat zwischen "Höhe machen" und "Luftraumverletzung" ist schmal.
Steinbruch-Verbot: Auch wenn der Fels lockt – halten Sie Abstand! Nutzen Sie andere Triggerpunkte.
Trotz der massiven Restriktionen ist der Ölberg ein beliebter Ausgangspunkt für XC-Flüge. Die klassische Route ("Rennstrecke") führt entlang der Bergstraße Richtung Norden (Heppenheim/Bensheim) oder seltener nach Süden Richtung Heidelberg.
Herausforderung: Die Luftraumstruktur zwingt zu einem flachen Flugstil ("Flachlandfliegen" im Mittelgebirge). Man kann nicht unendlich aufdrehen ("an die Basis knallen"), sondern muss effizient gleiten und die nächste Thermikquelle an der Kante finden, ohne die Höhenbeschränkungen zu verletzen. Es ist ein Spiel der Effizienz, nicht der maximalen Höhe.
Der Landeplatz ist die zweite große fliegerische Hürde dieses Gebiets. Er ist vom Start aus nicht sichtbar , was eine mentale Visualisierung vor dem Start unabdingbar macht.
Lage: N 49°27'37.00", E 8°40'05.00". Es handelt sich um eine langgezogene Wiesenfläche zwischen Weinbergen.
Dimensionen: Ca. 210-220 Meter lang, aber nur etwa 50 Meter breit.
Gefälle: Die Wiese ist nicht topfeben, sondern leicht geneigt, was das Ausschweben beeinflussen kann.
Der Landeplatz ist regelrecht "eingerahmt" von Gefahren, die keinen Spielraum für Fehler lassen :
Westseite: Weinberge. Rebstöcke sind gnadenlose Leinenschredder. Eine Landung im Weinberg führt fast immer zu Beschädigungen am Material und Ärger mit den Winzern.
Ostseite: Die stark befahrene Bundesstraße B3 und die OEG-Bahntrasse.
Der Killer: Entlang der Bahnlinie und Straße verlaufen 20kV-Hochspannungsleitungen. Diese sind potentiell tödlich. Ein Anflug, der zu weit in diese Richtung verdriftet wird oder zu tief angesetzt ist, ist lebensgefährlich.
Aufgrund der schmalen Form und der massiven Hindernisse ist eine saubere, disziplinierte Landevolte (Landeplatzrunde) unabdingbar. "Irgendwie reinwursteln" funktioniert hier nicht.
Abbauhöhe: Die Höhe muss über dem freien Feld oder den Weinbergen (mit genügend Abstand) abgebaut werden, niemals über der Straße oder der Bahnlinie.
Mischbetrieb: Drachen sind deutlich schneller als Gleitschirme. Gleitschirmpiloten müssen extrem aufmerksam sein, wenn Drachen im Anflug sind. Im Zweifel muss die eigene Volte angepasst (verzögert oder beschleunigt) werden, um Konflikte im Endanflug zu vermeiden. Drachen haben aufgrund ihrer höheren Geschwindigkeit und geringeren Wendigkeit oft weniger Ausweichoptionen.
Notlandeoptionen: Es gibt faktisch kaum welche. Die Weinberge sind keine Option (hoher Sachschaden, Verletzungsgefahr durch Drähte). Die Felder drumherum sind oft landwirtschaftlich intensiv genutzt. Das Ziel muss immer der gemähte Streifen sein.
In den Ausrüstungslisten für den Ölberg findet sich oft der explizite Hinweis auf eine Baumrettungsschnur und eine Bandschlinge. Dies ist kein übertriebener Sicherheitswahn, sondern gelebte Praxis.
Der Grund: Wir starten in einer Waldschneise und fliegen einen Großteil der Zeit über dichtem Wald. Das statistische Risiko einer Baumlandung (nach Startabbruch oder "Absaufer") ist signifikant höher als an offenen Wiesenstartplätzen.
Die Funktion: Sollten Sie im Baum hängen, können Sie mit der Schnur Ihr Gurtzeug oder Rettungsgerät sichern (damit Sie nicht weiter abrutschen) oder Ausrüstung (Seile der Bergwacht) von unten hochziehen. Die Bandschlinge dient zur Eigensicherung am Stamm, bis professionelle Hilfe eintrifft.
Kommunikation: Handyempfang ist meist gut (Blick zur Rheinebene), daher ist ein geladenes Mobiltelefon für Notrufe unverzichtbar.
Verlassen Sie sich am Ölberg nicht allein auf den regionalen Wetterbericht. Die lokalen Verhältnisse können stark abweichen.
Holzwindstation: Nutzen Sie lokale Quellen (oft referenziert als "Holzwindstation" oder Vereins-Webcams), um die tatsächlichen Windwerte am Startplatz zu prüfen.
Böen-Faktor: Wenn die Böenprognose (Gusts) deutlich über dem Mittelwind liegt, ist der Ölberg aufgrund der Schneisen-Situation oft unfliegbar. Die Schneise verstärkt Böen und macht den Start unberechenbar.
Die Rettungskette am Ölberg ist gut organisiert, aber das Gelände ist steil und schwer zugänglich.
Notruf 112: Geben Sie präzise Koordinaten an. Die Angabe "Am Ölberg" ist für Retter zu ungenau, da es sich um ein großes Waldgebiet handelt.
Rettungspunkte: Merken Sie sich die Nummer des nächsten forstlichen Rettungspunktes beim Auffahren oder Hochlaufen. Diese grünen Schilder mit weißem Kreuz und Nummer sind für Rettungskräfte die wichtigste Orientierungshilfe im Forst.
Was steht nicht im DHV-Eintrag? Hier sind die Feinheiten, die den Unterschied zwischen einem frustrierenden und einem grandiosen Tag ausmachen.
Oft wird in Fliegerkreisen von der legendären Abendthermik ("Magic Light") an der Bergstraße geschwärmt.
Realitäts-Check: Ja, sie existiert und ist traumhaft. Aber es gibt einen Haken. Oft "schläft" der Wind am Startplatz früher ein als in der Höhe oder in der Ebene. Es ist ein häufiges Phänomen, dass Piloten am Startplatz bei fast Nullwind stehen, während 50 Meter über ihnen noch bestes Soaring herrscht.
Tipp: Wenn Sie spät am Tag kommen, beobachten Sie die Baumwipfel an der Schneise genau. Bewegen sie sich kaum noch, ist ein Start (der dann ein reiner Vorwärtsstart mit 15m Anlauf ohne Windunterstützung wird!) oft ein Glücksspiel. Ein "Absaufer" direkt in den Wald unterhalb des Starts ist der Klassiker für Spätkommer, die den Wind überschätzen.
Der Ölberg ist ein "One-Trick-Pony": Er funktioniert exzellent bei West. Was tun bei anderen Richtungen?
Ostwind: Fahren Sie nach Erlau im Odenwald. Dies ist ein Übungshang, aber fliegbar und eine gute Alternative.
Nordost: Der Melibokus (weiter nördlich) ist eine Option, aber primär für Drachenflieger erschlossen. Gleitschirmstarts sind dort extrem schwierig und oft reglementiert (prüfen Sie die aktuellen Tagesinfos!).
Südost: Stauf in der Pfalz auf der anderen Seite des Rheingrabens ist eine hervorragende Alternative, wenn man bereit ist, die ca. 45-60 Minuten Fahrt in Kauf zu nehmen.
Der Verein "Bergsträßler Drachen- und Gleitschirmflieger e.V." ist zurecht stolz auf sein Gelände und schützt es energisch.
Der Schlüssel: Seien Sie demütig. Kommen Sie nicht als der "Alpen-Crack", der alles besser weiß. Fragen Sie höflich nach einer Einweisung. Bieten Sie an, beim Shuttle-Fahren zu helfen (Fahrerwechsel).
Der "Lande-Bier"-Kodex: Nach dem Fliegen trifft man sich oft am Landeplatz oder in lokalen Gaststätten. Wer sich hier integriert, bekommt die wahren Tipps – zum Beispiel, wo genau der Bart heute stand oder welche Baumreihe bei welcher Windrichtung den besten Heber gibt.
Zusammenfassung und Fazit
Der Startplatz Schriesheim / Ölberg ist eine Diva: Wunderschön, leistungsfähig, aber zickig und nachtragend. Er verzeiht wenig. Für den Anfänger (frischer A-Schein) ist er aufgrund der Startplatztopographie und der Luftraumsituation definitiv ungeeignet, was das Reglement auch klar widerspiegelt. Für den fortgeschrittenen Piloten, der sein Handwerk beherrscht, bietet er jedoch eine in Deutschland seltene Kombination aus technischer Herausforderung (Start/Landung) und fliegerischem Genuss (Soaring über der Rheinebene bei Sonnenuntergang).
Wer den Ölberg meistern will, muss drei Dinge verinnerlichen:
Perfektionierung der Starttechnik: Besonders das Rückwärtsaufziehen und der konsequente Startabbruch müssen sitzen.
Disziplin im Luftraum: Die Nähe zu Mannheim duldet keine Fehler.
Respekt vor der Natur: Die Falken waren zuerst da.
Wenn Sie das nächste Mal an der Kante stehen, den Blick auf Mannheim und den Pfälzer Wald im Dunst gerichtet, und der Wind sanft von vorne in die Schneise streicht, werden Sie verstehen, warum die Locals diesen Berg so lieben und beschützen. Es ist Fliegen für Erwachsene.
Fly safe, land happy.