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2 Startplatzätze, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Hochfelln: Das Tor zu den Alpen – Eine umfassende Monografie für den anspruchsvollen Gleitschirmpiloten
Wenn man sich von Norden her, über die flache Ebene des bayerischen Voralpenlandes, den Alpen nähert, erhebt sich hinter dem Chiemsee eine markante, fast trotzige Bastion aus Fels und Wald: der Hochfelln. Mit seinen 1.674 Metern ist er zwar nicht der Höchste unter den Alpengipfeln, doch seine geografische Position als vorgelagerter Wächter verleiht ihm eine meteorologische und strategische Sonderstellung, die ihn in der Welt des Gleitschirmfliegens zu einem Mythos gemacht hat. Für den Laien ist er die „Aussichtsterrasse des Chiemgaus“ , ein beliebtes Ziel für Wanderer und Sonntagsausflügler, die mit der Seilbahn bequem den Gipfel erklimmen, um den Blick über das „Bayerische Meer“ schweifen zu lassen. Für den Gleitschirmpiloten jedoch ist der Hochfelln eine komplexe Arena, die Respekt einfordert, technisches Können verlangt und im Gegenzug mit Flugerlebnissen belohnt, die in Deutschland ihresgleichen suchen.
Dieser Bericht versteht sich nicht als bloße Ergänzung zu den knappen Datenblättern des DHV. Er ist der Versuch, die Seele dieses Flugberges zu erfassen, seine aerologischen Launen zu kartografieren und dem Piloten ein Werkzeug an die Hand zu geben, das über Koordinaten und Startrichtungen hinausgeht. Wir werden die thermischen Zyklen analysieren, die psychologischen Hürden des Nordstarts beleuchten und die taktischen Feinheiten des großen FAI-Dreiecks dekonstruieren, das vom Hochfelln aus seinen Anfang nimmt.
Der Hochfelln markiert den abrupten Übergang von der Ebene zum Hochgebirge. Diese topografische Stufe ist der Schlüssel zum Verständnis seiner Flugbedingungen. Anders als inneralpine Fluggebiete, die durch vorgelagerte Ketten geschützt sind, trifft das Wetter hier ungebremst auf den Fels. Die Luftmassen, die über das Flachland streichen, werden am Hochfelln zum ersten Mal zum Aufsteigen gezwungen. Dies sorgt einerseits für eine zuverlässige, oft sehr frühe Thermikentwicklung, macht den Berg aber andererseits auch anfällig für überregionale Winde. Wenn der Westwind das Flachland bürstet, ist der Hochfelln die erste Brandungsmauer.
Die geografische Lage in der Gemeinde Bergen (Landkreis Traunstein) platziert den Berg strategisch günstig zwischen dem Chiemsee im Norden und den zentralen Alpen im Süden. Diese Positionierung erlaubt Blickachsen, die das Herz jedes Ästheten höher schlagen lassen: Nach Norden das flimmernde Blau des Chiemsees, nach Süden die weißen Firnkappen der Hohen Tauern mit Großvenediger und Großglockner, die wie eine ferne Verheißung am Horizont stehen. Doch diese Schönheit ist trügerisch, denn die Talwindsysteme, die zwischen diesen Welten – dem kühlen See und den erhitzten inneralpinen Tälern – pumpen, schaffen ein komplexes Strömungsmuster, das wir im meteorologischen Teil dieses Berichts noch detailliert sezieren werden.
Es muss in aller Deutlichkeit gesagt werden: Der Hochfelln ist kein Anfängerberg. Zwar suggeriert die einfache Erreichbarkeit per Seilbahn eine gewisse Leichtigkeit, doch die fliegerische Realität spricht eine andere Sprache. Die Startplätze sind anspruchsvoll, teils steil, teils durch Hindernisse wie Liftstützen oder Materialseilbahnen begrenzt. Die Landewiese in Bergen liegt weit entfernt im Tal, getrennt durch eine Gleitstrecke, die bei Gegenwind zur psychologischen Belastungsprobe werden kann.
Der DHV klassifiziert das Gelände nicht ohne Grund als „anspruchsvoll“ und weist darauf hin, dass es für Anfänger nicht geeignet ist. Die Kombination aus thermischer Power, die hier oft explosiv einsetzt, und der Notwendigkeit, präzise Entscheidungen über den Abflugzeitpunkt zu treffen, überfordert Piloten, die noch mit der Schirmbeherrschung kämpfen. Zielgruppe dieses Guides sind daher Piloten ab dem B-Schein-Niveau oder sehr erfahrene A-Schein-Piloten, die Routine im thermischen Fliegen und im Rückwärtsstart besitzen und die mentale Kapazität haben, während des Fluges meteorologische Entwicklungen zu antizipieren. Wer den Hochfelln meistern will, muss nicht nur fliegen können, er muss denken wie ein Stratege.
Bevor der Flügel ausgelegt werden kann, muss die logistische Hürde des Aufstiegs gemeistert werden. Die Infrastruktur am Hochfelln ist exzellent ausgebaut, was den Berg zu einem "High-Frequency"-Fluggebiet macht, besonders an den seltenen perfekten Tagen im Frühjahr.
Die Anbindung ist für ein alpines Fluggebiet bemerkenswert effizient. Die Nähe zur Autobahn A8 (München-Salzburg) macht den Hochfelln zum Hausberg vieler Münchner Piloten. Man verlässt die Autobahn an der Ausfahrt Bergen und folgt der Beschilderung zur Hochfelln-Seilbahn in der Maria-Eck-Straße 8.
Das "Basislager" ist der große Parkplatz an der Talstation. Hier beginnt der Puls des Flugtages. An guten Tagen sieht man hier schon am frühen Morgen Dutzende von Piloten, die ihre Ausrüstung checken, Varios programmieren und skeptische Blicke zum Himmel werfen. Der Parkplatz ist gebührenpflichtig, wobei es für Seilbahnnutzer oft vergünstigte Tagestickets gibt. Ein kleiner Tipp für Sparfüchse: Das Tagesticket am Automaten kostet oft nur wenige Euro (ca. 3 €), was im Vergleich zu anderen bayerischen Fluggebieten sehr fair ist.
Für Piloten, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, ist die Anreise möglich, aber mit etwas Planung verbunden. Der Bahnhof Bergen (Oberbayern) liegt an der Hauptstrecke München-Salzburg. Von dort ist jedoch ein Transfer zur Talstation notwendig, da der Fußweg mit schwerem Gleitschirmgepäck zu weit wäre. In der Saison verkehren Busse, oder man nutzt ein lokales Taxi.
Das Rückgrat des Flugbetriebs ist die Großkabinen-Pendelbahn. Sie ist nicht nur ein Transportmittel, sondern ein Stück bayerischer Ingenieurskunst, das seit Jahrzehnten zuverlässig Wanderer und Flieger auf den Gipfel befördert. Die Bahn überwindet in zwei Sektionen eine beachtliche Höhendifferenz von über 1.000 Metern.
Der Transport teilt sich in zwei Etappen:
Sektion 1: Von der Talstation (ca. 580 m) zur Mittelstation (Bründlingalm, ca. 1.160 m).
Sektion 2: Von der Mittelstation zum Gipfel (1.674 m).
An der Mittelstation ist ein Umstieg erforderlich. Dies ist taktisch relevant: Sollte der Wind am Gipfel zu stark sein (was oft per Webcam oder Funk von vorausfliegenden Piloten gemeldet wird), kann man an der Mittelstation aussteigen und zumindest einkehren oder von der Bründlingalm starten, sofern es die Vegetationsperiode und Absprachen zulassen (offiziell ist der Start dort oft eingeschränkt, dazu später mehr).
Preisstruktur und Tickets
Die Preisgestaltung am Hochfelln ist differenziert und spiegelt die Wertschätzung für die Flieger-Community wider. Es gibt spezielle Tarife für Gleitschirmflieger und Drachenflieger ("Paraglider/Drachenflieger"-Karten).
Die aktuellen Tarife (Stand der Planung für die Sommersaison 2025/2026) stellen sich wie folgt dar:
Ticket-Typ Preis Bemerkung Bergfahrt (Einzelfahrt) 20,00 € Standardticket für einen Flug. Landegebühr 4,00 € Wird oft separat erhoben oder ist im Paket enthalten. 10-Punkte-Karte 160,00 € Nicht übertragbar! Ideal für Locals und Vielflieger. Saisonkarte (Sommer) 280,00 € Die "Flatrate" für den gesamten Sommer (April bis Allerheiligen). Export to Sheets
Hinweis zur Saisonkarte: Diese lohnt sich bereits ab ca. 14 Flügen pro Saison. Sie ist gültig vom 21. April bis Anfang November.
Für Drachenflieger ist der Transport etwas aufwendiger. Die Drachen werden oft auf dem Dach der Kabine oder in speziellen Vorrichtungen transportiert. Hier ist Kooperation mit dem Bahnpersonal gefragt, das am Hochfelln jedoch als sehr fliegerfreundlich gilt – solange man sich an die Regeln hält und den Betriebsablauf nicht durch unorganisiertes Herumstehen blockiert.
Hunde sind in der Bahn erlaubt, kosten aber extra (2,50 € pro Sektion), was für Hike & Fly Piloten mit Begleitung relevant sein kann.
Der Hochfelln verfügt über vier ausgewiesene Startplätze. Doch diese Vielfalt täuscht. In der Praxis konzentriert sich das Geschehen massiv auf den Oststart. Die anderen Plätze sind Nischenlösungen für spezifische Bedingungen oder erfahrene Spezialisten. Die Wahl des falschen Startplatzes kann hier nicht nur den Flugtag beenden, bevor er begonnen hat, sondern den Piloten in ernsthafte Gefahr bringen.
Dies ist die Hauptbühne des Hochfelln. Wenn in Foren oder an Stammtischen vom "Start am Felln" gesprochen wird, ist fast immer dieser Platz gemeint.
Ausrichtung: Ost (O) bis Südost (SO).
Lage: Südöstlich des Gipfelhauses und der Taborkirche. Man verlässt die Bergstation, geht am Gipfelhaus vorbei und sieht die Wiese unter sich.
Topografie: Es handelt sich um eine mittelsteile Wiese, die im Winter als Skipiste genutzt wird. Der Untergrund ist daher meist gut gepflegt, kann aber bei Nässe rutschig sein.
Aerologie: Der Oststart profitiert von der Morgensonne. Die Thermik setzt hier oft schon erstaunlich früh ein, manchmal bereits gegen 10:00 Uhr Vormittags. Dies macht ihn zum perfekten Ausgangspunkt für große Strecken, da man den Tag voll ausnutzen kann.
Die Gefahren:
Liftmasten: In Blickrichtung rechts (südlich) begrenzen die Stützen des Gipfellifts den Startkorridor. Ein Abdriften nach rechts in der Startphase, etwa durch einen asymmetrischen Heber, muss unbedingt vermieden werden.
Nordost-Falle: Wenn der überregionale Wind auf Nordost (NO) dreht, wird der Oststart lebensgefährlich. Der Wind strömt dann über den Grat und das Gebäude der Bergstation und erzeugt massive Leewirbel (Rotoren) genau im Startbereich. Ein Blick auf die Windfahnen am Gipfelkreuz ist obligatorisch. Stehen diese auf NO, bleibt der Schirm im Sack!
Abflughöhe: Da der Start unterhalb des Gipfels liegt, muss man sich nach dem Start erst "freifliegen". Wer hier nur abgleitet, hat einen weiten Weg vor sich.
Dieser Startplatz ist berüchtigt. Er wirkt verlockend, wenn der Wind am Oststart nicht passt, birgt aber eine der größten Gefahren des Fluggebiets: die Gleitstrecke.
Ausrichtung: Nordwest (NW).
Lage: Zwischen der Seilbahnstation und dem Hochfellnhaus, nordwestlich des Weges.
Charakter: Steiler und steiniger als der Oststart.
Das Gleitstrecken-Dilemma: Vom Nordstart aus blickt man direkt in Richtung Landeplatz Bergen. Die Distanz täuscht. Man muss eine horizontale Strecke von fast 4 Kilometern überwinden. Ohne Thermik und bei einem Talwind, der einem oft entgegenbläst (aus Nord/Nordost), schmilzt die Gleitzahl dahin.
Szenario: Ein Pilot startet bei leichtem Nordwind. Er findet keine Thermik. Im Tal bläst der Bayerische Wind mit 15-20 km/h entgegen. Seine Geschwindigkeit über Grund sinkt auf 15 km/h. Die Sinkrate bleibt gleich. Er wird den Landeplatz nicht erreichen und muss eine Notlandung im unwegsamen Gelände oder in den Bäumen riskieren.
Regel: Start am Nordplatz nur mit absolutem Vertrauen in die eigene Gleitzahl und bei sicherer Einschätzung des Talwindes. Wenn Zweifel bestehen: Nicht starten.
Ein Nischenstartplatz, der oft übersehen wird, aber an spezifischen Tagen Gold wert ist.
Ausrichtung: West (W).
Lage: In einer Senke zwischen der Seilbahnstation und dem sogenannten "Feuerköpferl".
Eignung: Dieser Startplatz ist primär für Gleitschirme geeignet; für Drachen ist er oft zu eng oder uneben.
Gefahren:
Materialseilbahn: Die wohl kritischste Gefahr am Weststart. Unterhalb der Grathöhe verläuft das Tragseil der Materialbahn zur Versorgung des Hauses. Es ist aus der Luft schwer zu sehen. Die Regel lautet: Überflug nach Westen nur mit deutlicher Überhöhung über Gratniveau!. Wer hier "durchtauchen" will, spielt russisches Roulette.
Lee-Situation: Da der Start in einer Senke liegt, ist er anfällig für Leewirbel, wenn der Wind nicht sauber von vorne ansteht.
Der Südstart ist landschaftlich der schönste, aber meteorologisch der gefährlichste.
Ausrichtung: Süd (S).
Lage: Südwestlich der Taborkirche auf den sonnenbeschienenen Wiesen.
Aerologie: Hier steht die Sonne den ganzen Tag. Die Thermik ist brachial und zuverlässig.
Die Föhn-Gefahr: Der Hochfelln liegt direkt an der Alpennordkante. Wenn Südföhn herrscht, bricht er hier oft als Erstes durch. Die Warnung des Betreibers ist drastisch und ernst zu nehmen: "LEBENSGEFAHR! Auch bei scheinbar fliegbaren Bedingungen schlagartig extreme Zunahme der Turbulenzen möglich!". Ein Südwind am Hochfelln muss immer doppelt und dreifach geprüft werden: Ist es Thermikwind oder der Vorbote des Föhns? Ein Blick auf die Druckdifferenz Bozen-Innsbruck (Föhndiagramm) ist vor jedem Start am Südplatz Pflicht.
Beschränkungen: Aus Naturschutzgründen (Gams- und Raufußhuhn-Schutz) gelten hier oft saisonale Beschränkungen oder Flugverbotszeiten (z.B. Startverbot vor 10:00 Uhr oder nach 14:00 Uhr, um Äsungszeiten nicht zu stören).
Das Verständnis der Luftströmungen am Hochfelln ist der Schlüssel zum sicheren und erfolgreichen Flug. Hier interagieren überregionale Winde mit lokalen Talwindsystemen auf komplexe Weise.
Ein Phänomen, das Piloten aus anderen Regionen oft überrascht, ist der "Bayerische Wind". Es handelt sich um eine Strömung aus östlicher bis nordöstlicher Richtung, die im Alpenvorland weht.
Der Effekt: Während am Gipfel des Hochfelln vielleicht noch schwacher Süd- oder Westwind herrscht (thermikinduziert), kann im Tal in Bergen bereits ein kräftiger Ostwind blasen.
Die Gefahr: Dies erzeugt eine starke Scherungsschicht (Shear Layer) irgendwo zwischen Gipfel und Tal. Beim Durchsinken dieser Schicht kann der Schirm massiv deformieren (Klapper). Zudem verwandelt sich der scheinbar einfache Landeanflug in Bergen in eine Landung bei starkem Seiten- oder Rückenwind, wenn man die Windrichtung nicht rechtzeitig am Windsack erkennt.
Der "Hausbart" des Hochfelln ist legendär. Er steht meist zuverlässig östlich des Gipfels, dort wo die Felsrippen der Südostflanke in den Wald übergehen.
Mechanik: Die Morgensonne heizt die Felswände unterhalb der Taborkirche auf. Die Warmluft löst sich ab und zieht an der Kante nach oben.
Taktik: Nach dem Oststart hält man sich rechts (südlich), achtet peinlich genau auf den Abstand zu den Liftkabeln und sucht die Kante ab. Oft findet man das Steigen nicht direkt an der Wand, sondern etwas vorgelagert. Geduld ist hier die Tugend des Könners. Wer zu ungeduldig ins Tal abfliegt, um "unten" zu suchen, hat meist verloren. Am Hochfelln wird "oben" geparkt. Man muss den Aufzug bis deutlich über Gipfelhöhe (mindestens 200-300 Meter Überhöhung) nehmen, bevor man den Kessel verlässt.
Der Hochfelln wird von zwei mächtigen Talwindsystemen flankiert:
Das Achental (Westen): Hier fließt die Luft von Marquartstein Richtung Chiemsee (oder umgekehrt, je nach Tageszeit). Dieser Wind kann am Nachmittag sehr stark werden und das Vorankommen bei einem Rückflug vom Westen massiv erschweren.
Das Tal der Traun (Osten): Bei Ruhpolding saugt das Talwindsystem oft kräftig in Richtung Alpenhauptkamm.
Diese Talwinde beeinflussen maßgeblich die Gleitstrecke zum Landeplatz. Wie bereits beim Nordstart erwähnt: Ein Talwind aus Nordost wirkt wie eine unsichtbare Hand, die den Gleitschirm zurückhält. Die effektive Gleitzahl über Grund (Ground Speed / Sink Speed) kann sich bei 15-20 km/h Gegenwind drastisch verschlechtern.
Rechnerisch bedeutet dies:
Normale Gleitzahl: ca. 1:9 (bei modernen B-Schirmen). Aus 1000m Höhe kommt man 9km weit (bei Windstille).
Gleitzahl bei 20 km/h Gegenwind: Wenn der Schirm 38 km/h fliegt, bleiben noch 18 km/h Vorwärtsfahrt übrig. Die Sinkgeschwindigkeit bleibt bei ca. 1,1 m/s. Die effektive Gleitzahl sinkt auf unter 1:4,5.
Konsequenz: Aus 1000m Höhe schafft man keine 9km mehr, sondern nur noch 4,5km. Da der Landeplatz fast 4km entfernt ist, wird der Sicherheitsspielraum (Reservehöhe für Volte) auf Null reduziert. Dies ist die mathematische Realität, an der viele Piloten am Hochfelln scheitern und in den "Botanik-Landeplätzen" enden.
Der Hochfelln bietet je nach Ambition und Können völlig unterschiedliche Erlebnisse.
Für Piloten, die den Stress großer Strecken meiden wollen, bietet der Hochfelln wunderbares lokales Fliegen.
Das Ziel: Einfach oben bleiben, die Aussicht genießen und im dynamischen Aufwind an der Kante soaren.
Der Bereich: Man bewegt sich im Bereich zwischen Oststart und Gipfelkreuz.
Top-Landung: Eine Top-Landung am Gipfel ist technisch extrem anspruchsvoll und eigentlich nur Drachenfliegern oder absoluten Experten vorbehalten. Die Wiesen sind steil und oft turbulent. Besser ist es, lange zu soaren und dann einen entspannten Abgleiter ins Tal zu genießen – immer mit dem wachsamen Auge auf die Gleitstrecke.
Hier zeigt der Hochfelln sein wahres Gesicht. Er ist der Startpunkt für einige der größten FAI-Dreiecke Deutschlands (200km+ sind möglich).
Die Klassische Route: Das "Pinzgau-Dreieck"
Eine typische Route, die das Herz höher schlagen lässt:
Start & Setup: Oststart, Aufdrehen am Hausbart bis zur Basis (oft 2500m+ an guten Tagen).
Schenkel 1 (Richtung Osten): Querung über den Rauschberg (Ruhpolding) zum Hochstaufen (Bad Reichenhall). Dieser erste Schenkel ist oft der mühsamste. Man fliegt gegen den Bayerischen Wind an, kämpft um jeden Meter Höhe. Der Sprung vom Rauschberg zum Hochstaufen ist die erste Schlüsselstelle ("Crux"). Wer hier zu tief ankommt, säuft in Bad Reichenhall ab.
Wende 1: Am Hochstaufen oder sogar weiter östlich am Untersberg (Salzburg). Achtung: Luftraum Salzburg (CTR/TMA) beachten!
Schenkel 2 (Richtung Südwesten): Nun geht es mit Rückenwind und Thermikunterstützung Richtung Steinplatte und Loferer Steinberge. Hier verlässt man den bayerischen Luftraum und fliegt nach Österreich ein.
Die Rennstrecke (Pinzgau): Einmal im Pinzgau angekommen (Bereich Leogang/Saalfelden), befindet man sich auf der "Thermik-Autobahn" der Alpen. Die Südhänge heizen sich massiv auf. Schnitte von 40-50 km/h sind hier keine Seltenheit. Man fliegt Richtung Zell am See, vorbei am Großvenediger.
Wende 2: Je nach Tageszeit wendet man am Pass Thurn oder fliegt weiter bis in den Gerlos-Bereich (Zillertal).
Schenkel 3 (Der Heimweg): Zurück geht es meist über die nördlichere Route: Kössen (Unterberghorn), Geigelstein, Kampenwand und zurück zum Hochfelln.
Der Endgegner: Der Rückflug zum Hochfelln am späten Nachmittag ist oft ein Kampf gegen den Talwind aus dem Achental. Viele Dreiecke werden "nicht geschlossen", weil Piloten kurz vor dem Ziel in Marquartstein landen müssen.
Der Hochfelln ist auch ein klassischer Hike & Fly Berg.
Die Route (Klassiker): Start am Parkplatz Kalkofen oder Talstation. Über Forstwege ins Schwarzachental. Dann steiler werdend zur Bründlingalm. Von dort über den felsigen Steig ("Tröpflwand") zum Gipfel.
Daten: Ca. 1.100 Höhenmeter. Dauer: 2,5 bis 3,5 Stunden.
Charakter: Technisch unschwierig, aber konditionell fordernd. Im oberen Teil steinig (gutes Schuhwerk!).
Belohnung: Nichts schmeckt besser als das alkoholfreie Weißbier auf der Bründlingalm nach dem Aufstieg und vor dem Flug.
Wie bereits mehrfach betont: Der Landeplatz ist groß, aber die Erreichbarkeit ist das Problem.
Lage: Nordöstlich der Talstation, ca. 5 Gehminuten entfernt.
Höhe: 568 m MSL.
Markierung: Großer Windsack in der Mitte.
Volte: Es wird generell eine Linksvolte geflogen.
Tücken:
Turbulenz: Am Rand stehen Gebäude und Bäume. Bei starkem Talwind bilden sich Lee-Rotoren im Endanflugbereich.
Thermik-Ablösungen: Mitten auf dem Landeplatz lösen sich oft thermische Blasen. Es kann passieren, dass man im Endanflug plötzlich wieder 2-3 Meter steigt. Nicht panisch bremsen (Strömungsabrissgefahr!), sondern aktiv fliegen und ggf. die Volte verlängern oder verkürzen.
Landwirtschaft: Die Wiese wird landwirtschaftlich genutzt. Bei hohem Gras (vor der Mahd) sollte man möglichst am Rand abbauen und den Schirm nicht mitten im hohen Futtergras zusammenlegen. Das verärgert die Bauern und gefährdet das Gelände.
Jeder gute Pilot hat einen Plan B. Am Hochfelln sind diese rar, aber vorhanden.
Pattenberg: Ein Plateau auf dem Weg zum Landeplatz. Wenn man merkt, dass es bis Bergen nicht reicht, ist dies die sicherste Option. Es ist eine große Wiese bei einem Gehöft.
Bründlingalm: Oberhalb der Mittelstation gibt es Almwiesen. Achtung: Dies ist nur für geübte Piloten zu empfehlen (Hangneigung, Unebenheiten). Nicht direkt neben der Seilbahnstation landen!
Bärngschwendt: Wenn man nach Osten abgetrieben wurde und nicht mehr gegen den Wind nach Bergen zurückkommt, fliegt man besser mit dem Wind zum Landeplatz des Unternbergs in Ruhpolding (Ortsteil Bärngschwendt). Von dort muss man dann ein Taxi oder den Bus zurück nach Bergen nehmen – aber das ist besser als eine Baumlandung.
Der Hochfelln ist ein Naturjuwel. Wir sind hier Gäste.
Zum Schutz brütender Vögel und Wildtiere gibt es strikte Zonen:
Strohnschneid: Der Gratbereich nördlich/östlich des Gipfels ist tabu. Überflugverbot!.
Südliche Bereiche (Gröhrkopf, Haaralmschneid): Hier muss eine Mindesthöhe von 200m über Grund eingehalten werden. Dies dient dem Schutz der Gämsen, die bei tief fliegenden Gleitschirmen in Panik geraten und abstürzen können.
Analysen zeigen, dass die meisten Unfälle am Hochfelln auf zwei Ursachen zurückzuführen sind:
Startabbruch am Nordstart: Piloten, die den Startlauf unterschätzen, stolpern im steinigen Gelände.
Verhungern auf dem Weg zum Landeplatz: Piloten, die zu lange am Hang kratzen, den Talwind unterschätzen und dann in die Bäume müssen.
Schirm: EN-B ist ideal. EN-A geht auch, aber man sollte die geringere Gleitzahl einkalkulieren.
Gurtzeug: Ein Protektor ist Pflicht. Aufgrund der steinigen Startplätze ist ein robustes Gurtzeug (kein ultraleichtes String-Gurtzeug ohne Schutz) zu empfehlen, es sei denn, man ist reiner Hike & Fly Profi.
Funk: Ein Funkgerät (LPD/PMR) ist hilfreich, um sich mit anderen Piloten über Bedingungen auszutauschen. Frequenz 433.625 MHz (LPD Kanal 24) ist oft der "Bergkanal" in der Region (bitte vor Ort verifizieren).
Nach einem erfolgreichen Flug oder wenn der Wind nicht mitspielt, bietet der Hochfelln auch kulinarisch und kulturell einiges.
Hochfellnhaus: Direkt am Gipfel. Die höchstgelegene Gaststätte im Chiemgau. Hier trifft man sich vor dem Start auf eine Suppe oder danach (wenn man topgelandet ist oder gewandert ist). Die Aussicht von der Terrasse ist Weltklasse.
Bründlingalm: Auf halber Höhe. Bekannt für deftige bayerische Küche und den legendären Kaiserschmarrn. Ein Muss beim Hike & Fly Abstieg.
Taborkirche: Ein kulturelles Highlight direkt am Gipfel. Oft finden hier Bergmessen statt. Ein Moment der Stille in der Kirche vor dem Start kann auch mental erden.
Familientauglichkeit: Wenn die Familie nicht fliegt, ist der Hochfelln trotzdem ein tolles Ziel. Der geologische Lehrpfad rund um den Gipfel ist spannend und lehrreich. Und der Chiemsee mit seinen Badestränden ist nur 15 Autominuten entfernt.
Der Hochfelln ist eine Diva. Er kann zickig sein mit seinen Winden, brutal mit seiner Thermik und unbarmherzig mit seiner Gleitstrecke. Aber er ist auch großzügig zu denen, die ihn verstehen. Er schenkt uns den Zugang zur dritten Dimension in einer Kulisse, die so schön ist, dass sie fast kitschig wirkt.
Wer hier fliegt, übernimmt Verantwortung. Verantwortung für seine eigene Sicherheit, aber auch für den Erhalt dieses Fluggebietes. Jede Landung im hohen Gras, jeder Überflug der Schutzzonen gefährdet die Erlaubnis, hier zu starten. Fliegen Sie mit Kopf, respektieren Sie die Natur und die Locals, und der Hochfelln wird Ihnen Flüge schenken, von denen Sie noch Ihren Enkeln erzählen werden.
Glück ab, gut Land!
Quellenangaben im Text beziehen sich auf die recherchierten Snippets. Alle Angaben basieren auf dem Stand der Recherche im Februar 2026. Bitte stets vor Ort (Infotafel Talstation, Club-Website) die aktuellen Bedingungen prüfen.