
1 Startplatz, 0 Landeplatzätze
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Fluggebiet Cottbus-Nord: Der Ultimative Guide für Streckenjäger und Flachland-Piloten
Wer an den Gleitschirmsport in Deutschland denkt, hat oft reflexartig die majestätischen, schneebedeckten Gipfel der Alpen vor Augen – das Nebelhorn, den Tegelberg oder die Hochgratkette, wo bunte Schirme wie Konfetti vor grauen Felswänden tanzen. Doch abseits dieser touristischen Hotspots, tief im Osten der Bundesrepublik, hat sich eine Szene etabliert, die den alpinen Piloten in Sachen Streckenkilometer (XC) und fliegerischer Finesse in nichts nachsteht. Cottbus-Nord ist weit mehr als nur ein ehemaliger Militärflugplatz; es ist ein Epizentrum des thermischen Flachlandfliegens, eine Startrampe für dreistellige Kilometerfresser und die Heimat einer Gemeinschaft, die das Windenfliegen von einer Notwendigkeit zur Kunstform erhoben hat.
In der weitläufigen Ebene Brandenburgs, wo der Horizont oft unendlich scheint und der Himmel eine dominante Rolle in der Landschaft einnimmt, herrschen Gesetze der Aerodynamik und Meteorologie, die sich fundamental von denen im Gebirge unterscheiden. Hier gibt es keine Hangkanten, die den Wind mechanisch nach oben zwingen, und keine Talsysteme, die den Wind kanalisieren. Hier ist der Pilot auf die reine Kraft der Sonne, die Beschaffenheit des Bodens und das subtile Lesen der Luftmassen angewiesen. Cottbus-Nord, gelegen am nördlichen Rand der Lausitzmetropole, bietet hierfür eine Bühne, die in Europa ihresgleichen sucht.
Dieser Report ist kein trockener Abriss von Start- und Landeplatzkoordinaten, wie man ihn in den Standard-Datenbanken findet. Er ist ein tiefgehender, analytischer Exkurs in die Seele des Fluggebiets Cottbus-Nord. Wir werden die meteorologischen Feinheiten analysieren, die den sandigen Brandenburger Boden zu einer verlässlichen Thermikmaschine machen, während anderswo die Piloten am Boden stehen. Wir werden das digitale Herzstück der dortigen Flugorganisation sezieren, das vielen Vereinen als Vorbild dienen könnte und den Flugbetrieb so effizient wie ein Uhrwerk macht. Und wir werden Strategien entwickeln, wie man von diesem unscheinbaren Fleck Erde aus bis nach Berlin, tief in den Spreewald oder sogar über die Grenze nach Polen fliegt.
Anders als der offizielle DHV-Eintrag, der sich oft auf die nackten Fakten beschränkt, tauchen wir hier in das „Warum“ und „Wie“ ein. Warum funktioniert dieser Platz auch an Tagen, an denen die Alpen im Föhnsturm versinken? Wie navigiert man die komplexen Lufträume zwischen dem hochfrequentierten Berliner Luftraum und der polnischen Grenze? Und wo gibt es nach einem sechs Stunden dauernden Flug das beste Landebier und die herzlichste Aufnahme? Willkommen in der Welt der „Flatland-Heroes“. Willkommen in Cottbus-Nord.
Das Fluggelände Cottbus-Nord (offizielle DHV-Gelände-Nr. 1040) ist ein Ort, der Geschichte atmet. Was heute als Spielwiese für Gleitschirm- und Drachenflieger dient, war einst ein bedeutender militärischer Fliegerhorst. Diese Historie ist kein bloßes Detail am Rande, sondern der Schlüssel zum Verständnis der phänomenalen Flugbedingungen, die Piloten heute vorfinden. Militärflugplätze wurden in der Vergangenheit strategisch oft dort angelegt, wo statistisch gesehen Nebelarmut und stabile Wetterverhältnisse herrschten, um eine maximale Einsatzbereitschaft zu gewährleisten. Diese klimatische Bevorzugung kommt heute den Luftsportlern zugute. Zudem sorgt die massive Versiegelung durch die alten Start- und Landebahnen sowie die verbliebenen Vorfelder für eine thermische Signatur, die in der Region ihresgleichen sucht.
Der Platz liegt auf einer Höhe von 68 Metern über Normalnull (NN). Das klingt im Vergleich zu alpinen Startplätzen nach wenig, und tatsächlich ist der Höhenunterschied am Boden gleich Null. Wir befinden uns im klassischen Flachland. Doch genau hier liegt der Reiz und die sportliche Herausforderung: Die "Höhe" wird dem Piloten nicht durch den Berg geschenkt, sie muss durch die Winde und anschließend durch thermisches Geschick erarbeitet werden. Die Transformation von einer militärischen Sperrzone zu einem Ort der Freiheit und des Sports ist auch ein Symbol für den Wandel der gesamten Region, die sich von der Schwerindustrie hin zu Tourismus und Erholung entwickelt.
Die Dimensionen in Cottbus-Nord sind, bedingt durch die militärische Vergangenheit, beeindruckend und für den Luftsport luxuriös. Die für den Schleppbetrieb verfügbare Strecke beträgt satte 1.200 Meter. Im Windenfliegen ist Länge durch nichts zu ersetzen – außer durch noch mehr Länge. Eine 1.200-Meter-Schleppstrecke ermöglicht – bei gutem Wind und einem kompetenten Windenfahrer am Steuerhebel – Ausklinkhöhen, die weit über den üblichen 300 oder 400 Metern liegen, die man auf kleineren Sportplätzen erreicht.
Schlepphöhen als taktischer Vorteil: Regelmäßig werden hier Ausklinkhöhen von 600 bis über 700 Metern erreicht. Der DHV gibt eine maximale Schlepphöhe von 760 Metern an. Das ist ein entscheidender taktischer Vorteil für den Streckenflug. Wer mit 700 Metern Startüberhöhung ausklinkt, hat ein riesiges Suchfenster für den ersten Bart (Thermikschlauch). Man kann entspannt verschiedene potenzielle Triggerpunkte abgleiten, ohne sofort in den Stress zu geraten, "absaufen" zu müssen (d.h. vorzeitig landen zu müssen). Diese anfängliche Höhe ist oft der "Gamechanger" an Tagen mit blauer Thermik, wo die Aufwinde schwer zu finden sind.
Ausrichtung der Piste: Die Startrichtungen sind klassisch Ost (O) und West (W) (09/27). Dies korrespondiert perfekt mit den vorherrschenden Windrichtungen in Mitteleuropa. Westwindlagen bringen oft dynamisches Wetter mit Rückseiten-Thermik, während Ostlagen oft für stabile Hochdruckgebiete mit trockener, hämmernder Thermik stehen. Diese bi-direktionale Nutzbarkeit garantiert eine hohe Anzahl an fliegbaren Tagen im Jahr.
Winden-Technik: Der Verein setzt auf stationäre Winden. Es gibt keine mobile Abrollwinde, sondern den klassischen Stationärschlepp. Das bedeutet, die Winde steht fest an einem Ende der Bahn, und das Seil wird mit einem Lepo (Seilrückholfahrzeug) ausgezogen. Diese Methode erlaubt sehr konstante Zugkräfte und hohe Sicherheitsstandards, da die Kommunikation und die Positionen fixiert sind.
Brandenburg ist geologisch betrachtet die „Streusandbüchse“ Deutschlands. Der Boden rund um Cottbus ist extrem sandig und trocken. Das hat zwei massive physikalische Vorteile für Gleitschirmpiloten:
Geringe spezifische Wärmekapazität: Sandboden speichert Wärme schlecht, gibt sie aber extrem schnell an die darüberliegende Luft ab. Im Vergleich zu feuchten Wiesen oder Lehmböden, die viel Energie benötigen, um sich aufzuwärmen, heizt sich der Sand schon bei den ersten Sonnenstrahlen auf. Das sorgt dafür, dass die Thermik in Cottbus oft früher einsetzt als in anderen Gebieten. Schon am späten Vormittag können hier verwertbare Ablösungen entstehen.
Exzellente Kontraste: Das Fluggelände selbst ist eine Mischung aus den alten, dunklen Betonflächen (die sich extrem aufheizen) und den umliegenden Gras- und Heideflächen. Diese Temperaturunterschiede auf engem Raum erzeugen ideale Abrisskanten für Thermikblasen. Die Luft, die über den heißen Beton strömt, wird erwärmt und reißt am Übergang zum kühleren Gras oder Waldrand ab, um als Thermikschlauch aufzusteigen.
Die Umgebung ist geprägt von Kiefernwäldern und offenen Tagebauflächen – ein Landschaftsmix, der thermisch hochaktiv ist. Piloten berichten, dass es selbst an Tagen mit schwacher Vorhersage in Cottbus oft „geht“, weil der lokale Mikrokosmos aus trockenem Boden und industriellen Relikten (alte Hangars, Vorfelder) die Luftmasse destabilisiert. Diese "Industriethermik" ist ein spezifisches Merkmal des Platzes und erlaubt Flüge, wenn rein meteorologische Modelle noch keine Thermik prognostizieren.
Einer der beeindruckendsten Aspekte an Cottbus-Nord ist nicht allein die Thermik, sondern die Organisation, die den Flugbetrieb erst möglich macht. Der 1. Cottbuser Drachen- und Gleitschirmfliegerclub e.V. hat ein System etabliert, das die oft chaotische Natur des Gleitschirmfliegens (Warten am Startplatz, Diskussionen wer die Winde fährt, wer das Seil holt) in geordnete und effiziente Bahnen lenkt.
Das Herzstück der Flugplanung ist die Website des Vereins (windenschlepp-cottbus.de). Hier findet sich kein statischer Kalender, sondern ein dynamisches, fast echtzeitfähiges „Ampelsystem“ für den Schleppbetrieb. Dieses System ist die zentrale Schnittstelle für alle Piloten und eliminiert Unsicherheiten.
Die Schleppliste: Piloten tragen sich online in eine Tagesliste ein. Dabei gibt es klare Statusindikatoren: „Ich komme“ (verbindlich, grün hinterlegt) oder „Ich überlege“ (unsicher, gelb). Dies ermöglicht eine präzise Bedarfsplanung.
Die Rollenverteilung: Ein Flugtag findet nur statt, wenn die kritischen Rollen besetzt sind. Die Liste zeigt transparent an: Gibt es einen qualifizierten Windenfahrer? Gibt es einen Startleiter? Wer fährt den Lepo (Rückholfahrzeug)? Erst wenn der Windenfahrer seinen Status auf „Grün“ setzt, ist der Betrieb offiziell. Dies verhindert, dass Piloten umsonst anreisen.
Zeitliche Koordination: Es gibt definierte Zeitfenster für die Startbereitschaft: Früh (11:00 Uhr), Mittag und Spät (ab 15:00 Uhr). Dies strukturiert den Tag und erlaubt auch Berufstätigen, nach Feierabend noch in die Luft zu kommen.
Gäste-Management: Gastpiloten sind herzlich willkommen, aber das System ist strikt geregelt, um Chaos zu vermeiden. Ohne Eintrag in die Liste und ohne vorherige Registrierung (Schleppnummer) läuft nichts. Wenn die Ampel grün ist und Kapazitäten frei sind, können Gäste dazustoßen. Ist der Betrieb noch in der Schwebe („Gelb“), können sich Gäste eintragen, um die kritische Masse zu erhöhen und so den Betrieb vielleicht erst zu ermöglichen.
Dieses System verhindert die klassische Frustration des Gleitschirmfliegens: Man fährt 100 Kilometer zum Platz, nur um festzustellen, dass der Windenfahrer lieber baden gegangen ist oder der Schlüssel zum Windenfahrzeug fehlt. In Cottbus weiß man exakt, woran man ist, bevor man den Zündschlüssel des eigenen Autos umdreht.
Ein weiteres Detail, das die Professionalität und Sicherheitskultur unterstreicht, ist die persönliche Schleppnummer. Piloten müssen sich einmalig registrieren und erhalten eine eindeutige ID. Diese Nummer ist nicht nur für die Abrechnung wichtig, sondern auch essenziell für die Sicherheit und Kommunikation am Start.
Am Startplatz nennt man dem Startleiter seine Nummer. Dieser funkt sie an die Winde. Der Windenfahrer sieht auf seinem Display sofort den Namen des Piloten und – viel wichtiger – die im System hinterlegte, gewünschte Zugkraft. Ein leichtes Gurtzeug mit einem zierlichen Piloten benötigt einen signifikant anderen Zug als ein 110-kg-Pilot mit schwerer Streckenflugausrüstung. Dieses System minimiert Kommunikationsfehler ("War das jetzt 'mehr Zug' oder 'weniger Zug'?") und erhöht die Sicherheit beim kritischen Startvorgang drastisch. Es ermöglicht auch eine lückenlose Dokumentation der Flüge für das Flugbuch.
In Cottbus wird Modernität auch bei den Finanzen großgeschrieben. Die Zeiten, in denen man am Startplatz hektisch nach Kleingeld suchte, sind vorbei. Die Abrechnung erfolgt monatlich und bequem per SEPA-Lastschrift. Am Monatsende erhält jeder Pilot eine detaillierte Aufstellung aller durchgeführten Schlepps per E-Mail, inklusive Datum und Anzahl. Für Gastpiloten bedeutet das: Vorher einmalig registrieren, Bankdaten hinterlegen, und am Flugtag nur noch auf das Wesentliche – das Fliegen – konzentrieren. Kein Hantieren mit Geld, keine Wechselgeldprobleme, keine Zettelwirtschaft auf der oft windigen Startbahn.
Die Ausrichtung der Schleppstrecke (09/27, also Ost/West) ist kein Zufall, sondern deckt statistisch gesehen die häufigsten fliegbaren Wetterlagen in dieser Region ab.
Westwind (W): Diese Lagen bringen oft maritime, feuchtere Luftmassen vom Atlantik. Die Wolkenbasis (Cloudbase) kann hier variieren, ist aber oft niedriger als bei Ostlagen. Bei Westwind fliegt man "gegen" die Stadt Cottbus an oder nutzt den Drift Richtung Polen. Die Thermik ist bei Westwind oft durchmischt, manchmal zerrissen ("bockig"), aber durchaus kraftvoll, besonders wenn Kaltluft einfließt (Rückseitenwetter).
Ostwind (O): Der "Klassiker" für weite Strecken und Rekordflüge. Kontinentale Luftmassen strömen ein, oft sehr trocken und mit einer hohen Basis. Bei Ostwind driftet man mit der Thermik Richtung Spreewald und Berlin. Das ist die "Rennstrecke" für große FAI-Dreiecke oder weite Oneway-Flüge. Die Thermik ist bei Ostlagen oft "hämmernd" stark und zuverlässig, da die trockene Luft eine starke Erwärmung des Bodens zulässt.
Jedes Fluggebiet hat seinen "Hausbart" – die eine Stelle, an der es (fast) immer hochgeht. In Cottbus-Nord ist die Suche danach ein Spiel mit der industriellen Topographie und den Bodenmerkmalen.
Die Beton-Kante: Der Übergang von der aufgeheizten Startbahn zur Vegetation ist der erste und wichtigste Trigger. Oft reicht es, nach dem Ausklinken direkt über dem Platz zu suchen. Der thermische Kontrast zwischen dem dunklen Beton (heiß) und der Wiese (kühler) lässt die Luftblasen zuverlässig abreißen.
Der Waldrand: Nördlich und südlich der Bahn befinden sich ausgedehnte Waldstücke. Bei einer Seitenwindkomponente funktionieren diese Kanten wie mechanische Trigger. Der Wind prallt auf den Waldrand, wird leicht angehoben ("Startimpuls") und nimmt die thermische Warmluft, die sich am Boden gesammelt hat, mit nach oben.
Die Solarparks: In der Umgebung von Cottbus und zunehmend auf alten Flugplatzflächen in ganz Brandenburg entstehen riesige Solarparks. Diese dunklen Flächen wirken wie gigantische Heizplatten. Wer einen Solarpark in Reichweite hat, sollte ihn gezielt anfliegen – es ist fast eine Garantie für Steigen. Die dunklen Module absorbieren Sonnenlicht extrem effizient und geben Wärme ab, was oft zu sehr starken, aber auch engen Bärten führt.
Ein neues, faszinierendes Phänomen entsteht durch den Cottbuser Ostsee. Dieser riesige, geflutete ehemalige Tagebau liegt nordöstlich der Stadt und verändert das Mikroklima spürbar. Große Wasserflächen wirken im Frühjahr stabilisierend (kühlendes Wasser unterdrückt Thermik über dem See), können aber im Spätsommer und Herbst als Wärmespeicher dienen ("Wärmflaschen-Effekt").
Noch wichtiger für den Piloten ist der Seewind-Effekt. An Tagen mit schwachem überregionalem Wind kann sich eine lokale Zirkulation zwischen dem kühlen See und dem heißen Umland (Flugplatz/Stadt) bilden. Dies kann zu unerwarteten Winddrehungen am Boden führen (plötzlich kommt der Wind vom See, obwohl der Meteo-Wind anders angesagt war). Erfahrene Piloten halten Ausschau nach der "Konvergenzlinie", an der die kühle Seeluft auf die warme Landluft trifft. Diese Linie ist oft markiert durch eine Wolkenstraße, die wie aufgefädelt am Himmel steht und phänomenales Steigen bietet, ohne dass man kreisen muss – das sogenannte "Delfinieren" unter der Wolkenstraße.
Cottbus-Nord ist kein Ort für bloße "Abgleiter", also kurze Flüge vom Start zum Landeplatz. Wer hier startet, will weg, will Strecke machen. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Flüge über 100 Kilometer sind keine Seltenheit, sondern fast schon Standard an guten Tagen.
Dies ist die populärste und logistisch einfachste Route. Man startet in Cottbus, lässt sich vom Ostwind treiben und fliegt Richtung Nordwesten.
Wegpunkte: Die klassische Linie führt über Lübbenau, Baruth bis nach Altes Lager.
Landschaft: Man fliegt über den Spreewald – optisch ein Traum mit seinen unzähligen Fließen, thermisch aber oft "tricky" wegen der hohen Feuchtigkeit, die die Thermik dämpfen kann. Danach folgt der Fläming, der thermisch wieder sehr zuverlässig und trocken ist.
Ziel: Altes Lager oder sogar der südliche Berliner Ring.
Logistik: Von Berlin oder dem Umland aus kommt man mit dem RE2 (Regionalexpress) in etwas über einer Stunde sehr bequem zurück nach Cottbus. Der Bahnhof Cottbus ist gut angebunden, was den Rückholservice (Retrieve) extrem vereinfacht. Viele Piloten nutzen das "9-Euro-Ticket" (bzw. das aktuelle Äquivalent), um entspannt zurückzufahren.
Bei Westwind geht es Richtung Osten. Hier ist Vorsicht und Vorbereitung geboten!
Grenze: Die polnische Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt (Fluss Neiße).
Luftraum: Polen gehört zum Schengen-Raum, das Überfliegen der Grenze ist grundsätzlich unproblematisch, aber man muss die dortigen Luftraumstrukturen genau kennen. Die polnischen Lufträume können andere Untergrenzen oder Regeln haben.
Risiko: Die Rückholung aus dem ländlichen Westpolen kann langwierig sein, da die ÖPNV-Verbindung quer zur Grenze oft schlechter ist als die Nord-Süd-Verbindung nach Berlin. Hier ist ein organisierter Fahrer oder gutes Verhandlungsgeschick mit polnischen Taxifahrern Gold wert.
Wer in Cottbus auf Strecke geht, muss seinen Luftraum aus dem Effeff kennen. Verstöße sind nicht nur teuer, sondern gefährden die Zulassung des gesamten Geländes.
ED-R (Restricted Areas): In Ostdeutschland gibt es diverse militärische Übungsgebiete (z.B. ED-R Holzdorf, ED-R Oberlausitz). Manche sind nur temporär aktiv (HX), andere dauerhaft. Ein Blick auf die aktuelle ICAO-Karte und die DFS-Notams (Notices to Air Missions) am Morgen vor dem Flug ist absolute Pflicht. Piloten sollten prüfen, ob Tiefflugübungen oder militärische Manöver angekündigt sind.
CTR Berlin (BER): Wer zu weit nach Norden fliegt, kratzt irgendwann an den Sektoren des Großflughafens BER. Der Luftraum C (Charlie) deckelt dort die Höhe. Es ist essenziell, die Untergrenzen genau im Vario (Variometer/GPS) einzuprogrammieren, um keine Luftraumverletzung zu begehen. Der "Berliner Deckel" sinkt, je näher man der Hauptstadt kommt.
Die "Polnische Wand": Entlang der Grenze gibt es teils spezifische Flugbeschränkungsgebiete (Border Zone). Hier gilt es, sich vorab im DHV-XC oder auf einschlägigen Portalen über die aktuelle Lage zu informieren.
Cottbus-Nord ist nicht nur ein Startplatz, es ist eine soziale Institution. Das Highlight des Jahres, auf das die gesamte Szene hinfiebert, sind die Spreewald Open.
Anders als elitäre Hochleister-Wettbewerbe, bei denen es nur um Punkte und Sekunden geht, verstehen sich die Spreewald Open als echtes Breitensport-Event, bei dem der Spaß und das Lernen im Vordergrund stehen.
Team-Format: Es ist oft ein Teamwettbewerb. Drei Piloten bilden ein Team, wobei die besten zwei Ergebnisse in die Tageswertung eingehen. Dieses Format fördert den Austausch massiv: Erfahrene "Cracks" nehmen Newcomer unter ihre Fittiche, erklären Taktiken und helfen bei der Flugplanung.
Accuracy (Ziellanden): Ein besonderes und zuschauerwirksames Feature ist der integrierte Ziellande-Wettbewerb. Da im Flachland präzises Landen (oft auf kleinen Wiesen, Waldlichtungen oder eben wieder exakt am Startplatz) überlebenswichtig für den Stressfaktor ist, wird dies hier spielerisch trainiert. Piloten müssen aus einer definierten Höhe (z.B. 100 Meter) einen nur 1 cm großen Punkt (oft ein elektronisches Pad) treffen. Das ist Spektakel pur für Zuschauer und schult das Feingefühl am Steuerknüppel enorm.
Polnische Freundschaft: Regelmäßig nehmen Piloten aus dem nahen Polen teil, was dem Event internationalen Flair verleiht und die grenzüberschreitende Fliegergemeinschaft stärkt. Es ist ein gelebtes Stück europäischer Integration über den Wolken.
Wer in Cottbus fliegt, muss eine Sache verstehen: Windenfliegen ist Teamsport. Es gibt keine Bergbahn, die läuft, egal ob man da ist oder nicht. Die Winde muss aufgebaut, der Lepo gefahren, die Seile ausgezogen werden. Von Gastpiloten wird erwartet, dass sie nicht nur konsumieren, sondern Teil der Maschinerie werden.
Seilrückholer: Sich freiwillig zu melden, mal eine Stunde den Lepo (das Rückholauto) zu fahren, ist der schnellste Weg, sich Respekt zu verschaffen und Kontakte zu knüpfen. Zudem lernt man dabei das Gelände aus einer anderen Perspektive kennen.
Startleiter-Assistenz: Helfen beim Einhängen der Seile, Kontrollieren der Startbahn auf Hindernisse, Unterstützen beim Auslegen der Schirme. Dieser Ethos "Einer für alle, alle für einen" sorgt dafür, dass der Betrieb auch an Tagen mit wenigen Piloten reibungslos läuft und ist hier keine hohle Floskel, sondern betriebliche Notwendigkeit.
Flachlandfliegen gilt oft als entspannter und sicherer als alpines Fliegen (keine Felswände, stabile Talwinde, oft riesige Landewiesen). Doch Cottbus hat seine eigenen, spezifischen Tücken, die man kennen muss.
Bei 1.200 Metern Seillänge stehen enorme Kräfte auf dem System, besonders wenn der Wind auffrischt. Ein Seilriss in geringer Höhe (unter 50m) ist kritisch. Piloten müssen den "Nachdrück"-Reflex verinnerlicht haben, um einen Sackflug zu vermeiden, wenn der Zug plötzlich wegfällt. Der "Lockout" (seitliches Ausbrechen an der Winde) ist ebenfalls ein Risiko, besonders bei thermischen Ablösungen während des Schlepps. Wenn der Schirm einseitig in eine Thermik zieht und der Pilot nicht sofort korrigiert, kann der Winkel zur Winde zu groß werden, was den Schirm unkontrollierbar in eine Kurve zwingen kann. Die Windenfahrer in Cottbus gelten als sehr erfahren und "fühlen" oft über das Seil, was am Schirm passiert, aber der Pilot muss aktiv mitfliegen und Richtungsabweichungen sofort korrigieren.
Der Flugplatz ist riesig, aber Teile davon bestehen immer noch aus altem, hartem Beton. Die Hauptlandeflächen sind natürlich Gras, aber bei starkem Wind, Turbulenzen oder falscher Landeeinteilung kann man über dem Beton runterkommen.
Tipp: Immer einen zertifizierten Protektor verwenden (selbstverständlich) und bei Landungen auf Hartbelag besonders auf eine saubere Ausflare-Technik achten. "Füße hoch" (Airbag voraus) ist der Standard-Ruf, um Verletzungen an den Beinen zu vermeiden, sollte die Landung härter als geplant ausfallen.
Die Waldränder, die so schöne Thermik-Trigger sind, sind beim Landeanflug bei starkem Wind auch potenzielle Rotoren-Generatoren. Die Leeseite (windabgewandte Seite) des Waldes muss beim Endanflug strikt gemieden werden. Die Regel lautet: Lieber etwas weiter weg auf dem freien Feld landen und 500 Meter laufen, als im Lee des Waldes durchgesackt zu werden und eine harte Landung zu riskieren. Die Turbulenzen hinter Bäumen können bis zum Zehnfachen der Baumhöhe reichen.
Nach einem langen Tag in der Luft, wenn das Adrenalin langsam nachlässt, braucht der Pilot zwei Dinge: Ein gemütliches Bett und eine gute Mahlzeit.
Für das echte, ungebundene Flieger-Feeling empfiehlt sich Camping.
Waldcamping Am Großsee: Etwas außerhalb gelegen, aber sehr idyllisch mitten im Wald. Ideal, wenn man Familie dabei hat, die während des Fliegens baden will. Der Großsee bietet sauberes Wasser und Sandstrand.
Camp Casel: Am Gräbendorfer See, südwestlich von Cottbus. Auch eine gute Option, besonders wenn man die Ausweichfluggebiete (Welzow) im Auge hat.
Am Platz? Offiziell ist der Flugplatz kein öffentlicher Campingplatz. Es wird jedoch oft geduldet, dass Piloten während Wettbewerben oder Wochenenden im Bus dort stehen, aber es gibt keine Luxus-Infrastruktur (Duschen etc. sind oft improvisiert oder im Vereinsheim). Hier sollte man vorher unbedingt nett per Mail anfragen und nicht einfach vorfahren.
Wer ein festes Dach und Komfort bevorzugt:
Fliegerheim: Der Name ist Programm. Ein Hotel und Restaurant mit Tradition, thematisch passend zum Fliegen. Hier trifft man oft Gleichgesinnte.
Pensionen am Cottbuser Ostsee: Neue, moderne Unterkünfte entstehen gerade rund um den neuen See. Diese bieten oft einen schönen Blick auf das Wasser und sind nur wenige Minuten vom Flugplatz entfernt.
Cottbus bietet eine solide gastronomische Auswahl, von deftig bis fein.
Stadtwächter: In der historischen Cottbuser Altstadtmauer gelegen. Urig, deftig, gutes Bier. Der klassische Ort für das "Debriefing" am Abend, um Flugrouten zu diskutieren.
Essen am Platz: Bei Flugbetrieb wird oft spontan der Grill angeworfen. Die "Windenwurst" ist legendär, günstig und nach einem langen Flug oft die beste Mahlzeit des Tages.
Cottbus-Nord (Ost/West) deckt viel ab, aber nicht alles. Was tun bei reinem Nord- oder Südwind, wenn die Seitenwindkomponente für den Schlepp zu stark wird?
Der Verkehrslandeplatz Neuhausen (EDAP) liegt nur ca. 10 km entfernt.
Charakter: Ebenfalls Windenbetrieb möglich, oft Ausweichort für Veranstaltungen.
Vibe: Etwas mehr "General Aviation" (Motorflieger), aber gleitschirmfreundlich. Hier finden auch oft Drachenflieger eine Heimat.
Der Flugplatz Welzow (EDCY) ist ein riesiger Verkehrslandeplatz im Lausitzer Seenland.
Besonderheit: Hier gibt es oft auch die Möglichkeit zum Ultraleicht-Schlepp (UL-Schlepp) für Drachen oder Gleitschirme. Das ist eine echte Alternative zur Winde, da man sich vom UL gezielt in die Thermik schleppen lassen kann.
Landschaft: Spektakulärer Blick über die noch aktiven und bereits gefluteten Tagebaue – eine Landschaft im Wandel, die aus der Luft besonders eindrucksvoll wirkt.
Wenn in Cottbus gar nichts geht oder ein Wettbewerb den Platz belegt, ist "Altes Lager" (Jüterbog) das Mekka des Flachlandfliegens.
Distanz: Ca. 1 Stunde Fahrt Richtung Berlin.
Vorteil: Startrichtungen für fast alle Winde, riesige Community, oft Testivals der Hersteller. Aber: Auch viel voller und oft hektischer als das entspannte, fast familiäre Cottbus.
Cottbus-Nord ist kein Ort für "Schicki-Micki"-Piloten, die den Shuttle-Bus zum Startplatz brauchen, Rollrasen zum Auslegen verlangen und Prosecco am Landeplatz erwarten. Es ist ein Ort für Puristen. Ein Ort für Piloten, die verstehen wollen, wie die Luft wirklich funktioniert, wenn kein Berg sie nach oben zwingt. Die Kombination aus exzellenter Infrastruktur (1.200m Schleppstrecke!), einer hochprofessionellen digitalen Organisation (Ampelsystem) und einer herzlichen, anpackenden Community macht es zu einem der besten, wenn auch oft unterschätzten Flachland-Fluggebiete Europas.
Der Geheimtipp: Planen Sie Ihren Trip im späten Frühjahr (Mai/Juni). Wenn der Raps blüht und der Kontrast zwischen den leuchtend gelben Feldern und dem dunklen Grün der Kiefernwälder die Thermik förmlich explodieren lässt, dann ist Cottbus-Nord nicht nur ein Flugplatz – es ist eine Startrampe in den Himmel. Und wenn Sie dann in 1.500 Metern Höhe unter einer endlosen Wolkenstraße hängen und bis zum Horizont gleiten, werden Sie verstehen, warum die "Flatland Heroes" über die kurzen Flüge in den Alpen oft nur müde lächeln können.
Sicherheitshinweis: Bitte registrieren Sie sich immer vor der Anreise auf windenschlepp-cottbus.de. Fliegen ohne Nummer ist ein absolutes No-Go und gefährdet die Zulassung des Geländes. Happy Landings!
Live-Kameras in der Nähe