
3 Startplatzätze, 1 Landeplatz
Ausführliche Recherche und lokales Wissen
Fluggebietsanalyse und Leitfaden: Die Alpspitze im Fokus der alpinen Gleitschirmfliegerei Executive Summary
Die Alpspitze stellt im deutschsprachigen Raum kein singuläres Fluggelände dar, sondern bezeichnet zwei hochgradig relevante, jedoch charakterlich grundverschiedene Areale: Die Alpspitze bei Nesselwang im Ostallgäu und den Osterfelderkopf unterhalb der Alpspitz-Pyramide in Garmisch-Partenkirchen. Während Nesselwang als technisch anspruchsvolles Voralpengelände mit komplexen Lee-Situationen und einer modernen touristischen Infrastruktur (Zipline-Integration) besticht, repräsentiert der Standort Garmisch den Einstieg in die hochalpine Thermikwelt des Wettersteingebirges mit Höhendifferenzen von über 1300m. Für Piloten, die eine schnelle Entscheidung suchen, bietet Nesselwang exzellente XC-Optionen nach Osten bei Nord- und Nordostlagen, erfordert aber höchste Aufmerksamkeit bei Westwind. Garmisch hingegen ist die erste Wahl für ambitionierte Streckenflieger und "Para-Alpinisten", die den Gipfelstart wagen, kämpft jedoch mit massiven Talwindsystemen in den Nachmittagsstunden. Beide Gebiete verlangen eine strikte Einhaltung lokaler Flugbetriebsordnungen, insbesondere im Hinblick auf Hindernisse wie Hochspannungsleitungen und Seilbahntrassen.
In der Welt des Gleitschirmsports ist die Alpspitze ein Name, der sowohl bei Einsteigern als auch bei Profis starke Assoziationen weckt. Um eine fundierte Flugplanung vorzunehmen, muss zunächst die geographische Diskrepanz aufgelöst werden, da die Verwechslungsgefahr zwischen dem Allgäuer Mittelgebirgscharakter und dem Wettersteiner Hochgebirge ein signifikantes Sicherheitsrisiko birgt.
Die Alpspitze in Nesselwang (1575m NN) fungiert als ein Schlüsselgelände der bayerischen Voralpen. Es wird primär von der Interessengemeinschaft Alpspitzflieger e.V. verwaltet, die seit der Reaktivierung und Neuzulassung im Jahr 2007 eine vorbildliche Infrastruktur geschaffen hat. Das Gelände ist geprägt von bewaldeten Flanken und steilen Wiesenhängen, die sich nach Norden zum Alpenvorland hin öffnen. Die navigatorische Relevanz ergibt sich aus der Position am Rand der Alpen, was es zu einem "Tor zum Flachland" für Streckenflieger macht.
Im Gegensatz dazu steht der Osterfelderkopf (2050m NN), der als Hauptstartplatz für die Garmischer Alpspitze fungiert. Er liegt am Fuße des markanten Felszahns der Alpspitze (2628m NN). Dieses Gebiet wird von den Drachen- und Gleitschirmfliegern Werdenfels e.V. betreut und bietet eine hochalpine Kulisse, die Piloten direkt mit den Massiven der Zugspitze und des Wettersteinkamms konfrontiert. Die fliegerische Herausforderung ist hier durch die enorme thermische Energie und die komplexen Windsysteme der tief eingeschnittenen Alpentäler (Loisachtal) deutlich höher einzustufen als im Allgäuer Pendant.
Eine detaillierte Analyse der Geodaten und Geländemerkmale ist für die Flugvorbereitung unerlässlich. Die folgende Tabelle bietet eine konsolidierte Übersicht der technischen Parameter beider Regionen.
Parameter Nesselwang: Grüner Strich Nesselwang: Steiler Hund Garmisch: Osterfelder Ost Garmisch: Alpspitz-Gipfel GPS-Koordinaten 47 ∘ 36.031 ′ N,10 ∘ 29.975 ′ E 47 ∘ 35.852 ′ N,10 ∘ 29.887 ′ E 47 ∘ 28 ′ 26 ′′ N,11 ∘ 03 ′ 37 ′′ E 47 ∘ 25 ′ N,11 ∘ 00 ′ E (ca.) Starthöhe (m NN) 1520m 1549m 2050m 2628m Landeplatz Nesselwang (915m) Nesselwang (915m) Garmisch-Tal (730m) Garmisch-Tal (730m) Startrichtung N (10°) ONO (60°) O bis NO SO Schwierigkeit Mittel (Schneisenstart) Schwer (Extrem steil) Mittel bis Schwer Extrem (Felsstart) Besonderheit Westwind-Lee-Falle Felsig, Steinbrocken Lifttrassen-Nähe Nur für Para-Alpinisten Export to Sheets
Der Hauptstartplatz "Grüner Strich" ist ein klassischer Schneisenstart. Er liegt etwa 10 Gehminuten unterhalb der Bergstation der Alpspitzbahn zwischen Berg- und Mittelstation. Der Wanderweg führt unmittelbar am Aufbauplatz vorbei, was eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber Touristen erfordert. Die Klassifizierung als "mittel-einfach" darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schneisensituation bei Seitenwind zu erheblichen Turbulenzen führt.
Der Startplatz "Steiler Hund" hingegen ist ein exponierter ONO-Startplatz südöstlich des Gipfels. Er ist durch steiles Gelände mit Felsen und Steinbrocken charakterisiert. In der schneefreien Zeit wird er ausschließlich erfahrenen Piloten empfohlen, da ein Startabbruch aufgrund der Neigung kaum möglich ist. Die thermische Ablösung erfolgt hier oft schlagartig an den Felskanten, was den Startvorgang bei thermischen Bedingungen anspruchsvoll macht.
Am Osterfelderkopf dominieren zwei Bereiche: Die Flächen vor und hinter der Bergwachthütte. Der Startplatz direkt vor der Hütte ist aufgrund der unmittelbar daneben verlaufenden Lifttrasse riskant; Piloten können bei Seitenwind in die Seile gedrückt werden. Sicherer ist der Bereich unter dem "Bergwachtkreuz". Zusätzlich existiert ein Nordstartplatz in einer Wiesensenke rechts unterhalb der Drachenrampe, der besonders für frühe Starts in die Thermik genutzt wird.
Der Gipfelstart an der Alpspitze (2628m) ist ein besonderes Highlight für erfahrene Bergsteiger unter den Piloten. Der Aufstieg über die Alpspitz-Ferrata (Klettersteig) erfordert Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Der Startplatz selbst ist steil, und die Schirme bleiben auf dem rutschigen Felsuntergrund oft schlecht liegen, weshalb Befestigungsbänder am Schirm von Vorteil sind.
Beide Standorte verfügen über eine exzellente Anbindung durch Bergbahnen, was die Anzahl der täglichen Flüge maximiert.
Die Erreichbarkeit erfolgt primär über die Alpspitzbahn, eine Kombination aus Gondeln und Sesselliften.
Anfahrt: Über die A7 bis zur Ausfahrt Nesselwang, dann ca. 3km der Beschilderung zur Talstation folgen.
Parken: Es stehen ausreichend Parkmöglichkeiten direkt an der Talstation zur Verfügung. Die Tagesparkplatz-Gebühr beträgt ca. 3,00€.
Preise: Eine Bergfahrt zur Bergstation kostet für Erwachsene ca. 17,50€. Ein besonderer Service der Bergbahn ist die kostenlose Talfahrt für Piloten bei widrigen Wetterbedingungen am Startplatz, sofern ein Bergfahrt-Ticket gelöst wurde.
Wanderung: Für "Walk & Fly"-Anhänger ist der Aufstieg ab dem Parkplatz zur Mittelstation in ca. 60 Minuten und weiter zum Gipfel in insgesamt ca. 2,5 Stunden zu bewältigen.
Die Alpspitzbahn Garmisch führt direkt zum Osterfelderkopf.
Treffpunkt: Oft am Infobüro zwischen Kreuzeck- und Alpspitzbahn.
Anreise: Über die A95 aus München kommend, weiter auf der B2. Die Bahn liegt am südwestlichen Ortsrand und ist gut ausgeschildert. Sie ist zudem mit der Zugspitz-Zahnradbahn ab Garmisch-Hauptbahnhof erreichbar.
Wanderoption: Der Aufstieg über das Kreuzeck und die Hochalm zum Osterfelderkopf dauert etwa 3 Stunden bei einem Höhenunterschied von ca. 1300m.
Die Meteorologie ist der entscheidende Faktor für die Sicherheit und den Erfolg eines Flugtages an der Alpspitze. Hier zeigen sich die gravierendsten Unterschiede zwischen den Standorten.
In Nesselwang ist die Windrichtung von existenzieller Bedeutung.
Westwind-Problematik: Bei Westwind liegt der Startplatz "Grüner Strich" im Lee der links verlaufenden Waldkante. Die Verwirbelungen machen einen Start zu einem lebensgefährlichen Unterfangen. Lokale Piloten betonen, dass auch schwacher Westwind bereits Rotoren im Schneisenbereich erzeugen kann.
Optimale Bedingungen: Nord- bis Nordostwind sind ideal. Die Thermik entwickelt sich am Vormittag an den östlichen Flanken über dem Sportheim Böck und zieht durch die Höllschlucht nach oben.
Thermik-Hotspots: Gute Einstiege finden sich regelmäßig über der Wallfahrtskirche Maria Trost (1122m NN) oder am östlich gelegenen Hündleskopf.
Das Hochgebirge in Garmisch verlangt ein tieferes Verständnis großräumiger Luftmassenbewegungen.
Föhn: Bei Föhnlagen auf der Zugspitze mit Geschwindigkeiten über 35km/h ist das Fliegen am Osterfelderkopf einzustellen. Die Lee-Effekte des Wettersteinhauptkamms führen zu massiven, unberechenbaren Turbulenzen.
Talwind: Der Talwind im Loisachtal erreicht ab der Mittagszeit oft Geschwindigkeiten von 40 bis 50km/h. Dies führt am Landeplatz an der Talstation zu starken Verwirbelungen, insbesondere im Bereich hinter dem Bach westlich des Platzes.
Südwind-Gefahr: Piloten, die zu tief in Richtung Süden (Reintal) fliegen, riskieren, in massiven Abwinden ("Abzusaufen") und Baumlandungen zu enden. Die goldene Regel lautet: Immer auf der Nordseite des Osterfeldergebiets bleiben.
Für beide Gebiete ist das Frühjahr die thermisch aktivste Zeit.
Nesselwang: Die Thermik ist im Frühjahr oft "knackig", wird aber im Sommer durch die Talwindsysteme des Allgäus gedämpft, was ruhige Soaring-Flüge am Abend ermöglichen kann.
Garmisch: Bereits ab April ist am Wank und am Osterfelderkopf Thermikflug möglich. Die hochalpine Lage des Osterfelderkopfs erlaubt oft noch Flüge, wenn im Tal bereits Inversionen die Thermik in tieferen Lagen unterdrücken.
Die Alpspitze ist für viele Piloten lediglich das Sprungbrett für weite Flüge.
Nesselwang gilt als exzellenter Ausgangspunkt für Streckenflüge entlang der Voralpenkante.
Route Ost: Die klassische Route führt zum Breitenberg (Pfronten) und weiter zum Tegelberg (Schwangau). Von dort sind Flüge bis zum Plansee oder zurück ins Flachland möglich.
Route West: Flüge Richtung Wertach und zum Oberjoch sind bei entsprechenden Windlagen machbar, erfordern jedoch ein präzises Timing beim Überqueren der Täler.
Fehlermanagement: Ein häufiger Fehler ist das zu tiefe Anfliegen der Alpspitze aus Norden. Lokale Berichte zeigen, dass der Wind dort oft hangparallel strömt und nicht die erwartete Hebung bringt, wenn man die Südseiten meidet.
Hier eröffnen sich Dimensionen, die Flüge bis in die Schweiz ermöglichen.
Talsprung: Der Flug vom Osterfelderkopf zum Kramer oder weiter über den Plansee in Richtung Lechtal ist eine Standardroute für Experten.
Panorama: Die hochalpine Kulisse bietet während des Streckenflugs Ausblicke auf die Eibsee-Region, die Waxensteine und das gesamte Karwendelgebirge.
Ein harmonischer Flugbetrieb ist nur durch strikte Einhaltung lokaler Regeln möglich.
Der Verein hat klare Richtlinien für das Fluggebiet Nesselwang aufgestellt, um Konflikte mit Wanderern und dem touristischen Betrieb zu vermeiden.
Zipline-Abstand: Seit dem Bau der Zipline "AlpspitzKICK" ist ein Sicherheitsabstand von mindestens 50m zu den Seilanlagen zwingend einzuhalten. Ein Überfliegen der Seile muss mit ausreichender Höhe erfolgen.
Landeplatz-Spezifika: In Nesselwang verläuft eine Hochspannungsleitung parallel zum Landeplatz. Der Höhenabbau und die Landeeinteilung müssen zwingend südlich (bergseitig) der Leitung erfolgen.
Übungshang: Der an den Landeplatz angrenzende Übungshang ist exklusiv Vereinsmitgliedern vorbehalten. Schulung ist dort aufgrund der Stromleitungen untersagt.
Einweisung: Für beide Gebiete (Nesselwang und Garmisch) ist eine Einweisung durch lokale Piloten oder das Studium der Informationstafeln an den Talstationen obligatorisch. In Garmisch ist ein Briefing für alle Piloten vorgeschrieben.
Kosten: Während in Nesselwang momentan keine separate Start- und Landegebühr erhoben wird , wird in Garmisch (Wank/Osterfelder) eine Gebühr von ca. 3,00€ pro Tag fällig.
Der wahre Mehrwert für den Piloten liegt in den Details, die nicht in Standard-Datenbanken stehen.
In Foren und persönlichen Berichten wird immer wieder auf die "Tücke der Kleinigkeit" hingewiesen.
Webcams als Indikator: Lokale Piloten nutzen intensiv die Panomax-Webcams an der Mittelstation und am Sportheim Böck in Nesselwang. Ein Blick auf die Windbänder an den Masten der Mittelstation gibt oft einen besseren Eindruck als die Vorhersagemodelle.
Thermikquelle Maria Trost: Wenn an der Alpspitze selbst nichts geht, lohnt sich oft ein Vorstoß zur Wallfahrtskirche Maria Trost. Dort steht oft ein verlässlicher Bart, der durch die Ausrichtung des Geländes früher ausgelöst wird.
Hündleskopf-Dynamik: Wer es schafft, bei Nordostwind zum Hündleskopf zu queren, findet dort oft eine ideale Kombination aus dynamischem Hangaufwind und thermischer Ablösung, die den Einstieg in XC-Flüge massiv erleichtert.
Unterschätzung des Westwinds: Das häufigste Missgeschick in Nesselwang ist der Startversuch bei schwachem Westwind. Die Piloten sehen den Schirm in der Schneise ruhig stehen, werden aber unmittelbar nach dem Abheben von den Rotoren des Waldrandes erfasst.
Talwind-Falle Garmisch: In Garmisch unterschätzen Piloten oft die Drift im Endanflug. Wer den Landepunkt zu weit westlich ansetzt, wird vom Talwind oft über den Platz hinaus in unwegsames Gelände oder Siedlungsgebiete gedrückt.
Landeplatz-Stress: Die Stromleitung in Nesselwang sorgt bei Anfängern oft für Panik, was zu Fehlern bei der Landevolte führt. Die lokale Empfehlung ist, den Höhenabbau weiträumig südlich zu planen und erst mit ausreichender Sicherheitshöhe in den Endanflug zu gehen.
Ein gelungener Flugtag endet meist mit einer geselligen Runde.
Sportheim Böck (Nesselwang): Direkt an der Bergstation gelegen, bietet es nicht nur eine Panorama-Sonnenterrasse, sondern ist auch geschichtlich mit dem Olympioniken Ludwig Böck verbunden.
Enzianstube (Nesselwang): An der Mittelstation gelegen, bekannt für Allgäuer Kässpatzen und Kaiserschmarrn.
Gschwandtnerbauer (Garmisch/Wank): Zwar am Wank gelegen, ist dies der Kult-Landeplatz für Garmisch-Flieger, bekannt für die beste Brotzeit der Region.
Camping: Der Wohnmobilstellplatz Nesselwang (102 Bewertungen, ca. 17,00€/Nacht) ist nur wenige Gehminuten vom Ortskern entfernt. In Garmisch ist das "Camp am Wank" (26,00€/Nacht) der Treffpunkt der Fliegerszene.
Hotels: In Nesselwang ist das Explorer Hotel Neuschwanstein nur 50m vom Skigebiet entfernt und auf Sportler spezialisiert. Wer es exklusiv mag, bucht die BöckLodges direkt am Gipfel auf 1500m.
Sollte die Alpspitze aufgrund der Windrichtung nicht befliegbar sein, bieten sich in der unmittelbaren Umgebung Alternativen an.
Standort Windrichtung Entfernung Besonderheit Tegelberg NO bis NW ca. 20km
Klassischer XC-Berg, oft voll
Breitenberg O ca. 10km
Vier verschiedene Startplätze, anspruchsvoll
Wank S ca. 40km
"Sonnenberg", ideal für frühe Thermik
Mittagberg NO bis NW ca. 25km
Schöne Soaring-Möglichkeiten am Abend
Die Alpspitze ist ein Fluggebiet mit zwei Gesichtern. Der Pilot muss vor der Abfahrt entscheiden, ob er das technisch-präzise Fliegen im Allgäu oder die hochalpine Wucht des Wettersteins sucht.
Nesselwang ist das ideale Gelände für Piloten, die einen gut organisierten Tag mit kurzen Wegen und klaren XC-Optionen suchen. Die Gefahr durch die Stromleitung am Landeplatz und die Westwind-Leefalle am Startplatz erfordern jedoch eine disziplinierte Flugplanung.
Garmisch (Osterfelderkopf) bietet das intensivere Naturerlebnis und das größere sportliche Potential für Streckenflieger. Die hohen Talwindgeschwindigkeiten und die Föhnanfälligkeit setzen jedoch eine fundierte meteorologische Kenntnis voraus.
Unabhängig vom gewählten Standort gilt: Der Kontakt zu den lokalen Vereinen und das Studium der Informationstafeln vor Ort sind die beste Versicherung für einen unfallfreien Flugtag. Die Alpspitze bleibt, in welcher Ausführung auch immer, einer der faszinierendsten Startpunkte für Gleitschirmflieger in den nördlichen Alpen.
Live-Kameras in der Nähe